„Bogotá, du hast die Haare schön“ – Veränderungen beginnen am Haaransatz


Gentrifizierung ist ein großes Wort in diesen Tagen. Der Tourismus wird für dieses und viele weitere Übel verantwortlich gemacht. Aber er kann auch helfen einstmals verruchte Gegenden wieder urbar zu machen und dies kommt dann auch den Einheimischen zu Gute. Eine dieser Gegenden ist das Zentrum von Bogotá. Nicht nur die kolonialen Fassaden der La Candelaria sondern auch die Straßen, die sich um den Hauptboulevard der Stadt, der Carrera Séptima ziehen.

Viele Bogotaner fürchten immer noch das Centro, die Innenstadt Bogotás. Seit den Dreißigerjahren verließen viele ehemalige Bewohner der reichen Oberschicht ihre kolonialen Paläste und zogen in neue, moderne Viertel im Norden der Stadt. Das Zentrum verfiel und in den ehemaligen Domizilen der urbanen Eliten richteten sich marginalisierte Randgruppen der Bevölkerung und vor der Gewalt auf dem Land Vertriebene ein, die sogenannten desplazados, die Binnenflüchtlinge.

Die Marginalisierung der Neuzugezogenen zog Kriminelle und Obdachlose an und das Zentrum bekam den Ruf der Gesetzlosigkeit. Jahrzehnte änderte sich wenig, bis Anfang der Nullerjahre langsam aber stetig der Tourismus in Kolumbien zunahm. Mutige Backpacker waren die ersten, die den Charme der Altstadt erkannten und einen gegenbürgerlichen Lebensstil, die Boheme pflegten. Seit etwa 2010 und vermehrt seit dem Abschluss der Friedensgespräche 2016 kann man große Reisegruppen durch die schachbrettmusterhaften Straßen ziehen sehen.

Eine dieser Straßen, die einstmals völlig abgeschnitten vom öffentlichen Leben war, zeigt sich nun im neuen, bunten Glanz. Die Calle 18 steht noch in keinem Reiseführer, aber sie hat Potential. Das haben auch findige Gewerbetreiber bemerkt und sich hier angesiedelt. Hipsterbärte und geschniegelte Punkfrisuren werden hier ebenso zur Schau gestellt wie die bunten Graffitis an den Wänden.

Eine der bekanntesten Adressen sind seit 2018 die Peluqueras Asesinas, die Mörder-Friseusen. Zu ihrem 10-jährigen Jubiläum musste das feministische Haarstylisten- und Künstlerkollektiv aus ihrer angestammten Dependenz in der La Candelaria aufgrund von Problemen mit Ruhestörung und Denkmalschutzverordnungen ausziehen. In der Calle 18 haben sie ein neues Zuhause gefunden, das ihnen den kreativen und alternativen Raum für ihre Kunst bietet, der in der La Candelaria aufgrund von bürokratischen Hürden langsam zu verschwinden droht.

Der Ortswechsel des auch einfach nur La Peluquería genannten Friseursalons hat auch symbolische Bedeutung für das Kollektiv der Peluqueras Asesinas. Schon in ihrem Namen deuteten die fast ausschließlich weiblichen Haarstylistinnen den radikalen (Haar-)Schnitt an, mit dem sie mit ihrer Vergangenheit brechen und einen Neubeginn wagen wollen. Und was ist dafür besser als ein neuer Look? Durch das Abschneiden der Haare töten die Mörder-Friseusen sinnbildlich alles Schlechte der Vergangenheit ihrer Kunden und lassen sie wie neugeboren aus dem Schaumbad der Spülung hervorgehen. Eine feministische Traumabewältigung und Empowerment mit Kamm und Schere.

Jeden Mittwoch bieten die La Peluquería und ihre Mörderinnenbande ein kostenloses Laboratorio an, in dem Selbstmörder ihre Grenzen austesten können. Der Proband hat nicht wie sonst üblich einen Spiegel vor sich.

Laboratorio der Mörder-Friseusen

Doch das ist Absicht, erklärt die Gründerin Melissa Paerez: „Eines der wichtigsten Elemente in dem Prozess (des Haareschneidens) ist der Überraschungseffekt, der ein kreativer Motor für die Befreiung (des Selbst) ist und auf Vertrauen beruht.“ Rot glühend steht nur ein mächtiger Coca-Cola Kühlschrank vor dem haarigen Versuchskaninchen, der allerdings kein kaltes kohlensäurehaltiges Erfrischungsgetränk bereithält, sondern lediglich ein paar Schönheitsmittel.

Es sitzt sich gut auf den Retrofriseurstühlen und so lasse ich relaxt die hinter mir handwerkelnde Punkstylisten an meine Haarpracht. Es waren dieses Asesinas die mich in die Calle 18 gezogen hatten. Gleich neben an thront ein ähnliches Kollektiv, das der Freimaurer. Der Sitz der kolumbianischen Hauptloge ist in einem ehemaligen Haus des deutschen Bierbrauers Leopold Kopp untergebracht. Riesige Statuen ritterlicher Kreuzfahrer stehen vor dem Eingangsbereich, der sich etwas versteckt in der Einfahrt befindet.
Die beiden stummen mittelalterlichen Tempelritter passen so gar nicht in das laute Bogotá. Deswegen lasse ich sie stehen und liegen und ziehe nach meinem adligen Kahlschlag durch die Scherenhände der haarigen Wegelagerinnen lieber weiter die Straße hinauf. Es geht vorbei an bunten Graffitis und einem grauen Parkplatz, der aber schon im Bebauungsplan der Stadt als Apartmentbuilding verzeichnet ist. Nur eine Straße weiter treffe ich auf skateboardfahrende Barbiere, die vor einer Galerie und anscheinend während ihrer Mittagspause ihre Skills üben.

Calle 18 von aus dem LivinnX Building

Um mir die Straße einmal von oben zu besehen, schieße ich mit einem Aufzug ins 20. Stockwerk des LivinnX-Buildings, einem sogenannten Co-Living-Space. Die nette Maklerin Valentina Botero zeigt mir die kleinen Studentenzimmer, deren Preis etwa dreimal so hoch ist wie meine gesamte Wohnung in der Altstadt. Allerdings habe ich auch keinen Billard-, Playstation- und Fitnessraum und wohne nicht mit dutzenden anderen Hipstern in einem Haus voller Spielzeug. Als schon Mittedreißigjähriger dürfte ich sowieso nicht mehr einziehen, da die Altersgrenze bei 15 bis 25 Jahren liegt. Alle Älteren werden in die Calle 21 abgeschoben, in der eine weitere dieser hippen Wohngemeinschaften liegt, die aber keine Altersgrenze kennt.
Doch dass diese Gebäude nun in einer einstmals verpönten Gegend stehen, zeigt den Wandel der bogotanischen Innenstadt. „Viele Eltern sagen uns, dass sie früher ihre Kinder niemals im Zentrum hätten wohnen lassen“, erklärt uns Botero, die uns durch die Räumlichkeiten führt.

„Aber nachdem sie die Veränderungen mit eigenen Augen gesehen haben, bekommen sie Vertrauen“. Vertrauen scheint das Stichwort zu sein, Vertrauen auf Veränderung, die auch durch den Tourismus angeregt wird. Langsam strömen die Touristen auch in die Calle 18 und schließen damit den Kreis zwischen dem Hauptboulevard der Carrera Séptima und dem Eje Ambiental, der Umweltachse, die als Drehkreuz zwischen der Altstadt der La Candelaria und dem übrigen Zentrum der Stadt gilt.

  • Unser Blogger in Kolumbien

    Stephan Kroener hat einen Großteil der letzten Jahre in Kolumbien verbracht. Seit 2018 unterstützt er avenTOURa mit Erlebnisberichten zu seinem Lieblingsland.

avenTOURa ist mit Auszeichnungen und Mitgliedschaften seit nahezu 25 Jahren in der Touristikbranche etabliert.