Bohemian Rhapsody im gallischen Dorf


Tief und wie eine urbane Spinne hat sich Bogotá in die sie umgebende Savanne hinein gefressen. Ein klammes Netz aus löchrigen Straßen spannt sich über die kalte von Feuchtbiotopen durchzogene Andenhochebene. Die zerstörende Kraft einer lateinamerikanischen Großstadt scheint unaufhaltsam. Man muss ihren Beton nicht mögen, aber kann man ihn lieben?

Es gibt sie, diese unangepassten, bunten Flecken mitten im grauen Großstadtdschungel. Viele, die wir hier leben, haben einen für sich entdeckt – und besetzt. Jeder schafft sich so seine eigene kleine Welt, um nicht in diesem unermesslich erscheinenden Häusermeer unterzugehen. Eine Insel und Ruhepol vor stürmischen Zeiten und dem urbanen Straßenlärm der knapp 10 Millionen Metropole. Einer von ihnen ist die La Candelaria genannte Altstadt, in der sich eine Gemeinschaft aus Künstlern, Studenten, Hippies und Hipstern zusammengefunden hat. Auf Spanisch bedeutet Altstadt „Casco Viejo“, was man mit Sprachwitz als alten Helm (nicht Hut) übersetzen könnte. Und gleich einem bekannten aber namenlosen gallischen Dorf aus der Feder des Comiczeichners Uderzos, steht es zur einen Seite umgeben von palisadenhohen Hochhäusern mit aggressiv blitzenden Glasfassaden und zur anderen mit den Resten ihrer selbst, die sich in Ruinen aufzulösen drohen.

La Candelaria

La Candelaria (Foto: Stephan Kroener)

La Candelaria

Altbau vor Neubau (Foto: Stephan Kroener)

La Candelaria

Graffiti in La Candelaria (Foto: Stephan Kroener)

Menschen in La Candelaria

La Candelaria - bunt & unangepasst (Foto: Stephan Kroener)

Menschen in La Candelaria

La Candelaria - bunt & unangepasst (Foto: Stephan Kroener)

Menschen in La Candelaria

La Candelaria - bunt & unangepasst (Foto: Stephan Kroener)

Diese kolumbianische Rhapsodie eines gallischen – nicht böhmischen – Dorfes wurde erst Anfang der sechziger Jahre unter Denkmalschutz gestellt. Doch viele koloniale Bausubstanz wurde auch danach noch abgerissen. Ganze Viertel und Straßenzüge mussten der Moderne weichen. Ähnlich wie in München oder Berlin schuf das Motto „Freie Fahrt für freie Bürger“ mehrspurige Straßen und zukünftige Probleme. Ignoranz vor der Geschichte macht auch vor Ländergrenzen nicht halt. Mein Nachbar, der vor kurzem verstorbene Francisco „Pacho“ Suárez, erzählte mir oft davon, wie noch in den siebziger Jahren geplant wurde, die Umgehungstrasse Circunvalar quer durch die Altstadt schneiden zu lassen. Während wir auf darauf warteten, dass das Brot in Pachos Ofen fertig wurde, mussten wir kopfschüttelnd darüber lachen, wie damals koloniale Paläste zu Schleuderpreisen verhökert wurden, um dem Straßenbau zu entgehen. Die Käufer waren oft Ausländer, Europäer und Nordamerikaner, die gut informiert waren, dass die Circunvalar viel weiter in den die La Candelaria umgebenden Andenhang gebaut werden sollte. Pacho arbeitete damals noch als Matrose auf See. Er war ein Urgestein der La Candelaria, war hier aufgewachsen und kannte jede Ecke. Als er wieder an Land kam war sein Viertel von Gringos geflutet. Er lernte Brotbacken in einer der vielen französischen Bäckereien, die nun in seiner Nachbarschaft entstanden waren, um den Europäern ein wenig Heimat auf die Zunge zu legen. Ein Europäer ohne richtiges Brot ist wie ein Kolumbianer ohne seine Arepa, seinen Maisfladen, trocken und lustlos.

Doch die Ausländer brachten nicht nur neue Geschmäcker in die La Candelaria, sie kümmerten sich auch um den Erhalt der Altstadt. Dass das nicht ganz ohne Eigennutz war, ist jedem klar. Heute können ihre aufgeputzten Residenzen nur noch in harten Dollar berechnet werden, die sie noch vor ein paar Jahrzehnten für nen Apfel und weiche Eier gekauft hatten. Allein zwischen 2010 und 2017 erhöhte sich der Quadratmeterpreis in der La Candelaria von 520US$ auf 1.220US$, ein Anstieg um über 130%. Seit Mitte der 1960 Jahre ist die Altstadt Bogotás bereits nationales Kulturgut, aber erst Anfang 1980 begann sich der Staat mit der Gründung der Denkmalschutzbehörde Corporación de La Candelaria (heute Instituto Distrital de Patrimonio Cultural) wirklich mit dem Schutz des historisch architektonischen Erbes zu beschäftigen. Allerdings geschah dies von staatlicher Seite damals immer noch halbherzig, wie der Streit mit der Nachbarschaftsvereinigung Asociación de Vecinos de La Candelaria Anfang der 1990 Jahre zeigen sollte. Während die kolumbianische Denkmalschutzbehörde darauf pochte, „Ruinen“ abreißen zu dürfen und moderne Neubauten innerhalb des Altstadtkerns zu erlauben, wollten die Candelarios nicht weiter zusehen, wie Korruption und gewitzte Spekulanten in ihrer Nachbarschaft wüteten. Illegal abgerissene Baudenkmäler sollten wieder aufgebaut werden, um das Gesamtensemble zu erhalten (Eine ähnliche Diskussion gab es in Deutschland über den Abriss des Uhrmacherhäusls in München-Giesing).

Es ist diesen mutigen Menschen, die sich aus Alteingesessenen und Zugezogenen zusammensetzten, zu verdanken, dass große Teile der La Candelaria erhalten sind. Ihr Bürgersinn wurde 1991 belohnt. Ihr Viertel wurde als einer der 20 eigenständigen Stadtteile (span. localidad) Bogotás anerkannt und in der Folge erhielten sie mehr Mitspracherecht. Allerdings war der neue Stadtteil ein künstliches Gebilde und trennte Teile der Altstadt von ihrer historisch gewachsenen Struktur. Die ausgegrenzten, nur wenige Jahrzehnte jüngeren Gebäude aus der republikanischen Epoche Kolumbiens zerfallen weiterhin – und mit ihnen der Stolz der Menschen, die in ihnen wohnen. Diese Ruinen ziehen sich heute um das so entstandene gallische Dorf der La Candelaria.

Das urbane Tourismusprojekt der La Candelaria lockte weitere zahlungskräftige Ausländer an. Viele von diesen blieben, kauften, renovierten und restaurierten Häuser, vertrieben so allerdings auch mehr ungewollt die Masse der alteingesessenen Bevölkerung, die die steigenden Mieten nicht mehr zahlen konnten. Das gallische Dorf, wurde zur gentrifizierten Insel, auf der die Insulaner – Künstler, Studenten und Hipster – ihr eigenes Grab zu schaufeln begannen, denn waren dabei, sich selbst zu gentrifizieren. Das ekstatische Gedicht auf die Lebenslust, diese Rhapsodie der Boheme, droht zu verstummen, verkauft und vertrieben zu werden. Denn sie wird immer mehr von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt, der die Preise im gallischen Dorf nach oben treibt und es nicht mehr uneinnehmbar macht. Der monetäre Zaubertrank hat vielfach die Fassaden gerettet, aber es geht nun darum die Balance zu halten. Niemand will, dass aus dem gallischen ein potemkinsches Dorf wird, mit leeren Fassaden, die nur noch tageweise von Touristen bewohnt werden. Das ist auch der Wunsch der Besucher. Denn ein gallisches Dorf ohne Gallier will niemand. Die Bohemian Rhapsody, der Künstler, Studenten und Unangepassten, der Alteingesessenen und Neuzugezogenen, ist das, was die Touristen auf ihren Streifzügen entlang der kolonialen Fassaden suchen.

  • Unser Blogger in Kolumbien

    Stephan Kroener hat einen Großteil der letzten Jahre in Kolumbien verbracht. Seit 2018 unterstützt er avenTOURa mit Erlebnisberichten zu seinem Lieblingsland.

avenTOURa ist mit Auszeichnungen und Mitgliedschaften seit mehr als 20 Jahren in der Touristikbranche etabliert.