Die Mondberge von Choachí


Der Endpunkt unserer Reise ist nicht der Pazifik, wie der der Astronauten der Apollo-11-Mission, sondern Choachí. Im lauwarmen Wasser der lokalen Therme sitzend, können wir aber nochmal die Mondberge bestaunen, die wir auf unserer Wanderung durchquert haben.

Einzigartige Flora

Wie auch die beiden Astronauten Armstrong und Aldrin sollten die Wanderer auf ihrem Weg durch den Páramo keine zu großen Sprünge machen. Bleiben Sie lieber auf dem gepflasterten Pfad des Camino Real. Einerseits, weil der Boden des Páramo sumpfig ist, und andererseits, weil Sie sonst die spärliche Vegetation gefährden könnten. Das markanteste Gewächs des Páramo ist sicherlich der wachsblättrige Frailejón. Seinen Namen erhielt die ausdauernde Rosettenstaude aufgrund ihres Wuchses, der an einen kleinen Mönch erinnert. Im Deutschen heißt sie weniger fantasievoll: Schopfrosettenpflanze. Sie wurde durch die bekannten europäischen Naturforschern José Celestino Mutis, Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland als erste wissenschaftlich analysiert, kategorisiert und der Gattung der Halbsträucher (lat. Espeletia) zu geschrieben. Auch viele andere Pflanzen im Páramo bekamen fantasievolle Namen wie tunos esmeraldos (eine Flechte) oder die quiche de agua, die auch flor de harina genannt wird, ein Pfeifenwurzgewächs. Die krautartigen Flechten der tunos wachsen in rötlichen und grünlichen Tönen über Steine und Äste am Wegesrand, während wir versuchen uns durch das „Meer der Stille“ zu schleichen. Langsam lassen wir dieses hinter uns und steigen hinab in den bosque andino oder bosque nuboso, den andinen Nebelwald. Farne und immer höher werdende Bäume greifen über den Wegesrand und ab und zu muss man sich durch sie hindurchducken. Der Boden scheint sich richtiggehend aufzutauen und wir folgen dem Quellwasser ins Tal.

Der uns umgebende Wald ist nicht vergleichbar mit dem Tropendschungel in dem Neil Armstrong auf seine Mondmission vorbereitet wurde, trotzdem erinnert er uns an das bekannte Foto des späteren Apollo-11-Komandanten bei seinem ersten Kolumbienbesuch. Anfang der 1960er Jahre schlug die CIA für den Astronauten im kolumbianischen Darién an der Grenze zu Panama das „Chocó Hilton“ auf, das Basiscamp in dem Armstrong mit anderen Astronauten das Überleben in einer menschenfeindlichen Umgebung übte. Es blieb nicht das letzte Mal, das Armstrong Kolumbien besuchte. Insgesamt sind drei Besuche bekannt, bei denen der erste Mann auf dem Mond seinen Fuß auf kolumbianischen Boden setzte, allerdings ohne große Worte wie auf dem Mond. Zwei Monate nach seinem Mondflug bereiste er auf seiner Welttournee Lateinamerika und machte mit seinen beiden Apollo-11-Kollegen auch in Bogotá Station. Buzz Aldrin war erst vor wenigen Jahren noch einmal für einen Kurzausflug von einem Kreuzfahrtschiff in Cartagena und scherzte in Astronautenmanier auf Twitter, dass er kurz davor wäre die Festung San Felipe hinauf zu stürmen.

Weiter geht's auf dem Camino Real

Im Nebelwald oberhalb von Bogotá streifen wir indessen auf unserem Weg nach unten den kleinen Wasserfall Los Tunos, eine Reminiszenz an die bunten Flechten des Páramos. Da wir aber nun doch langsam genug von all dem Wasser haben, gehen wir ungeniert weiter. Mit jedem Schritt wird es wärmer und nach und nach geben wir Schal und Mütze ab. Nur ein einziger, kleiner Laden liegt auf der Strecke, einige Minuten vom Wasserfall entfernt, ansonsten ist man auf Selbstversorgung angewiesen.

Nach etwa drei Stunden durchgehender Wanderung erreichen wir einen breiteren Feldweg. Der Camino Real in seiner gepflasterten Form endet hier und man kann sich nun entscheiden, ob man nach links auf die nahe Straße nach Choachí abbiegt und dort das alle 20-Minuten verkehrende (Space-)Busshuttle nimmt, oder ob man dem Weg nach rechts folgt und weitere zwei bis drei Stunden seine Füße trocken laufen möchte. Obwohl ich mich für die ausdauernde Variante entschieden habe, muss ich sagen, dass der zweite Teil ersparenswert ist.

Camino Real
Wasserfall Las Tunas

Mann auf Dorfplatz
Bauernmarkt in Choachí

Choachí

Egal wie Sie sich entscheiden, Sie werden nach einiger Zeit in Choachí ankommen. Das Dorf liegt auf etwas unterhalb von 2.000 Metern und außer einer Jahresdurchschnittstemperatur von 18°C erwartet sie hier vor allem ein auf Wochenendtourismus zugeschnittener gastronomischer Regionaltourismus. Der Bauernmarkt, der immer Sonn- und Feiertags den riesigen Dorfplatz belebt, bietet vor allem Nachtischspeisen, von eigelegten Feigen, über Marmeladen bis hin zum traditionellen Sabajón, einem cremigen kolumbianischen Sahnelikör, ähnlich dem deutschen Eierlikör oder dem italienischen Namensgeber Zabaglione (fr. Sabayon). Berühmt ist Choachí auch für seine picadas oder auch fritangas andinas. Ob Armstrong diese Astronautenkost ebenso gelobt hätte wie die Bordverpflegung, ist nicht bekannt. Die fettigen picadas sind jedoch eine Leibspeise vieler fleischlüsternder Kolumbianer. Die Tonschalen die oft in der Mitte des Tisches von allen Seiten attackiert werden, sind in unterschiedlichen Variationen gefüllt mit gebratener Hähnchenbrust, chorizo (dt. Paprikawurst), morcilla (dt. Blutwurst), gebratenem Kuheuter und chunchullo (dt. Rinderinnereien), außerdem verschiedenen Kartoffeln und Maniok. Als Getränk wird oft ein Biermischgetränk, das refajo serviert.

Die Thermen von Santa Mónica am südwestlichen Ende des Dorfes laden desweilen zum Verweilen ein. Es ist das einzige Thermalbad in der Region Cundinamarca, wird aber vor allem von Kolumbianern selbst besucht. Gerade dadurch wird dem Besuch seine ganz eigene Authentizität verliehen, wenn am Beckenrand ein älterer Herr, mit der dicken ponchoartigen Ruana, Filzhut und Falthose ins blaue Wasser starrt. Choachí stammt wie viele andere lokale Ortsbezeichnungen aus der Chibcha-Sprache und bedeutet „Fenster zum Mond“ oder auch „Mondberg“. Das hätte unseren Astronauten sicherlich gefallen, die nach über 195 Stunden auf ihrer Reise im Pazifik nahe Hawaii landeten. Während aber Armstrong, Aldrin und Collins weitere 17 Tage in Quarantäne verbleiben mussten, können Sie sich in Sauna, Dampfbad oder auch in einer geothermischen Massage nach Ihrer Wanderung entspannen. Wir lassen diese Geschichte der Mondlandung und des Páramos aber jetzt hinter uns und genießen unsere „Wasserung“ im prickelnden Schwefelbad mit Blick auf die choachier Mondberge.

Thermen von Santa Mónica
Die Thermen von Santa Mónica
  • Unser Blogger in Kolumbien

    Stephan Kroener hat einen Großteil der letzten Jahre in Kolumbien verbracht. Seit 2018 unterstützt er avenTOURa mit Erlebnisberichten zu seinem Lieblingsland.

avenTOURa ist mit Auszeichnungen und Mitgliedschaften seit nahezu 25 Jahren in der Touristikbranche etabliert.