Die Muschelküste von El Almejal


Bahía Solano wurde 1935 gegründet, also im gleichen Jahr als in Medellín Carlos Gardel verunglückte. Aber egal ob man per Flugzeug, Frachtschiff oder auch per Schnellboot an den Pazifik startet, irgendwann landet man wie alle anderen in Bahía Solano.

Ob man nun auf den kleinen Pier tritt und sich mit noch schwankenden Schritten aufs Festland zu bewegt oder ob man aus der klimatisierten Luft die Bordtreppe herunter in die tropische Hitze des kleinen Flugplatzes José Celestino Mutis (BSC) steigt, schnell wird einen der Anblick des wuchernden Urwaldes gefangen nehmen. Dieser Urwald wird gerade dadurch geschützt, dass es keine Straßenverbindung mit dem Landesinneren gibt. Das macht die Region zu dem Touristenziel für Zivilisationsflüchtlinge und Ruhesuchende. Die einzigen Möglichkeiten nach Bahía Solano zu gelangen, führen über das knapp 300 Kilometer entfernte Buenaventura per einmal die Woche verkehrendem Frachtschiff in knapp 30 Stunden (150.000 COP), per Schnellboot in sechs Stunden (200.000 COP) oder von Quibdó respektive Medellín per Flugzeug in rund 45 Minuten beziehungsweise 20 Minuten (300.000 COP). Flugscham hin oder her, schützen sie ihre Gesundheit und verzichten sie auf die Schnellboote. Denn je nach Wellengang und Fähigkeiten des Bootsführers kann die Fahrt extrem unangenehm wenn nicht sogar gefährlich sein.

Foto: Stephan Kroener

Sollten sie dennoch ein Schnellboot in Betracht ziehen, hier ein paar Tipps: Kaufen sie ihr Ticket frühzeitig und achten sie darauf, dass sie einen der hinteren Plätzen möglichst nah am Heck des Bootes ergattern. Denn die vorderen Plätze sind die, die beim Kreuzen der Wellen am stärksten abheben und am heftigsten wieder aufs Meer aufschlagen. Prellungen und sogar Kompressionsbrüche an der Wirbelsäule können die Folge sein. Außerdem sollten sie sich gut vor der Sonne schützen, die auf offenem Meer nochmals stärker brennt. Achten sie auch darauf, dass sie eine funktionstüchtige Rettungsweste erhalten, und schließlich verpacken sie ihr Gepäck wasserfest, reißfeste Müllsäcke erhalten sie in jedem Supermarkt.
Der Frachter der einmal die Woche zwischen Buenaventura und Bahia Solano verkehrt, legt von der Hafenmole El Piñal ab, die sich nicht am Muelle Turistico, sondern etwa zehn Taxi-Minuten entfernt (sechs Kilometer) östlich befindet. Seit 2007 und vermehrt seit 2014 kommt es des Öfteren zu Überfällen moderner Piraten vor allem auf kleinere Frachter der Küstenschifffahrt. Auch wenn bisher von keinem Übergriff auf Touristen berichtet wurde, muss in der Pazifikregion immer auch die aktuelle Sicherheitslage erfragt werden. Alle größeren deutschen Reiseveranstalter vertrauen deshalb auf den Luftweg. Denn auch wenn der kolumbianische Pazifik immer noch vom Konflikt und illegalen Akteuren belagert wird, so sollte man diese Region auf einer Kolumbienreise keinesfalls aussparen. Ihre biologische Vielfalt und auch das ganz besondere Lebensgefühl der Menschen vor Ort werden einen sofort einnehmen und jede Schwierigkeit vergessen machen. Schon beim Anflug, lässt sich die Schönheit der Natur und die kilometerlangen Strände erahnen. Man schwebt förmlich hinein, in eine paradiesische Natur. Auch wenn die Durchschnittstemperatur bei etwa 25°C liegt, sollte man sich auf ein wundervoll feuchtes und regenreiches Klima einstellen. Dies kann auch ab und zu die Landepiste beeinträchtigen. Trotzdem kommt es selten zu Unfällen wie den am vergangenen siebten August, als eine Chartermaschine der Fluglinie Sarpa beim Landeanflug über die Startbahn hinausrutschte. Bei dem Zwischenfall wurde glücklicherweise niemand verletzt.

Sobald man jedoch sicher gelandet ist, kann man sich entspannen. In den meisten Fällen wird man die Fahrt mit einem luftigen Tucktuck fortsetzen. Diese kleinen dreirädrigen Motorrikschas stammen eigentlich aus Asien, sind aber seit Anfang der 2000er Jahre auch immer mehr in Lateinamerika verbreitet, allen voran in Peru. Ihr typisches Geräusch des Zweitaktmotors verlieh ihnen ihren lautmalerischen Namen. So verändert sich unser Rhythmus von den Tangoschritten in der Wartehalle in Medellín zum flapsigen, flamencoartigen der Mototaxis. Das administrative Zentrum der Gemeinde Bahía Solano wurde genau wie der Flughafen nach dem spanischen Naturforscher José Celestino Mutis benannt, ohne dass dieser je einen Fuß auf chocoanischen Boden gesetzt hätte. Da es hier wenig zu sehen gibt, machen wir uns musikalisch und verkehrstechnisch über eine größtenteils asphaltierte Straße mit unserem Tucktuck auf den Weg ins 30 Minuten entfernte Dorf El Valle. Das Tal, wie es übersetzt heißt, liegt in unmittelbarer Nähe eines wunderschönen, kilometerlangen Strandes, dem El Almejal, der Muschelküste. Hier werden sie Muscheln wie Sand am Meer finden. Auch liegt das Geld hier sprichwörtlich auf der Straße. Immer wieder kann man zwischen den Sandkörnern die sogenannten Strand-Dollar entdecken. Weiße 5-10 Zentimeter große, sehr zerbrechliche tote Muscheltiere.

Foto: Stephan Kroener

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In El Alemejal sind auch die meisten Hotels angesiedelt. Preislich gibt es kaum Unterschiede zwischen den einzelnen Backpacker-Hostels, nur die beiden Ecolodge-Hotels stechen heraus. Der Strand selbst ist wie an den meisten Orten des kolumbianischen Pazifiks und im Gegensatz zur Karibik eher dunkel, was durch die Sedimentierung der vielen Flüsse zu erklären ist. Außergewöhnlich sind die vielen Felsen, die wuchtig aus dem Wasser ragen und dem Strand seine ganz eigene Struktur geben. An ihnen kann man stundenlang entlang wandern und immer neue durch die Gezeiten verzierte Figuren erkennen. Etwa 20 Minuten vom letzten Haus Richtung Norden trifft man auf mehrere kleine natürliche „Aquarien“, Becken, die von Meerwasser bespült werden. Hier lässt es sich gut schnorcheln, man sollte aber auf die handtellergroßen Seeigel aufpassen, die wie schwarze stachlige Kugeln an den Wänden wuchern. Sie sind zwar nicht giftig, können aber unangenehme Verletzungen verursachen.

Dutzende Wasserfälle liegen versteckt in den dichtbewaldeten Hängen direkt am Strand. Um sie zu entdecken, kann man sich einem lokalen Führer anvertrauen. Dies ist außerdem ratsam, da die Locals die Gezeiten kennen und wissen wann es Zeit für den Heimweg ist, damit einem die Flut nicht den Rückweg versperrt. El Almejal ist perfekt für Surfer. Wenig Betrieb und hohe Wellen. Es gibt einen Surfladen, der Bretter verleiht und auch Stunden anbietet. Von El Almejal lassen sich auch von weitem Wale beobachten, die wohl bekannteste Sehenswürdigkeit der Region. Doch dazu im nächsten Blog auf unserer Reise durch die Rhythmen und an die Wellen des Stillen Ozeans.

Foto: Stephan Kroener
  • Unser Blogger in Kolumbien

    Stephan Kroener hat einen Großteil der letzten Jahre in Kolumbien verbracht. Seit 2018 unterstützt er avenTOURa mit Erlebnisberichten zu seinem Lieblingsland.

avenTOURa ist mit Auszeichnungen und Mitgliedschaften seit nahezu 25 Jahren in der Touristikbranche etabliert.