Ein Schiff wird kommen...


Immer dann, wenn du glaubst schon alles zu kennen oder gesehen zu haben, wenn du denkst, es gibt nichts mehr was dich überraschen kann, genau dann kommt oft der Moment, an dem dich die (kubanische) Schöpfung Demut lehrt und dir zeigt wie winzig und unwissend du bist im Universum, hier speziell im Kubanischen! Hauptdarsteller dieser Begebenheit auf Kuba sind zwei Deutsche, die beide schon seit vielen Jahren ihr Glück auf der Insel gefunden zu haben scheinen. Der eine bin ich, der andere ist...Klaus!

Mein Arbeitgeber hatte mich schon öfters damit beauftragt Kreuzfahrtschiffe, die in Kuba anlegen zu betreuen, speziell bei Punta Frances, einer herrlichen Bade- und Tauchregion an der Südwestspitze der Isla Juventud, die ich bestens kenne. Normalerweise verlief die Betreuung der Kreuzfahrtschiffe immer problemlos. Neray, Chef einer lokalen Incomingagentur, der seine Pappenheimer bestens kennt, hat unheimliches Talent, alles schon bis ins letzte Detail vorzubereiten, sodass von mir zumeist nur noch winzige Feinarbeit vor Ort erledigt werden musste. Der Ablauf ist fast immer gleich: am Vorabend macht man sich auf den langwierigen Weg zur Ökostation bei Punta Frances, zumeist auf dem Lastwagen zusammen mit den Arbeitern und Vorräten, die am nächsten Morgen die Touristen von den Kreuzfahrtschiffen am Strand in Empfang nehmen sollten. Ein 4-5 stündiger Bade- und Schnorchelstop mit Früchtebuffet stehen zumeist auf dem Plan der Badegäste, und wir haben alles dafür zu tun, dass der halbtägige Ausflug reibungslos und zur vollsten Zufriedenheit der Kunden verläuft.

Punta Frances

Dieses Mal hatte ich meinen Flug nach Gerona um einen Tag vorverlegt. Man hatte mir mitgeteilt, dass Neray nicht mehr bei der Agentur arbeiten würde, mir schwante Böses, und nicht zu Unrecht! Als ich ankam und mich bei der Agentur telefonisch meldete, klang die Stimme überrascht, "Nein, über mein Kommen wüsste man nicht Bescheid, wäre aber auch gar nicht notwendig, da man alles schon organisiert habe und ohne meine Hilfe durchführen könnte." Als ob ich es geahnt hätte, Kuba halt! Ich hatte natürlich nicht vor, die kubanischen Kollegen das alleine durchziehen zu lassen, zuviel stand auf dem Spiel. 5-Sterne-Kreuzfahrer sind verwöhnt, zahlen ja auch eine ganze Menge dafür und ich konnte nicht zulassen, dass das ganz ohne unsere Aufsicht ablief. Zuerst rief ich bei Neray an, eine halbe Stunde später saßen wir in 'meinem Büro', der Rumbos-Cafeteria im Zentrum Geronas zusammen und ich ließ mir berichten. Meine Besorgnis bezüglich des Kreuzfahrtschiffes teilte er und so setzte ich mich ans Telefon. Kurze Zeit später waren meine Firma sowie die Zentrale der Agentur in Havanna informiert, dass das Kreuzfahrtschiff nur anlegen würde, wenn ich vor Ort anwesend sei und, dass die örtliche Agentur alles dafür zu tun hätte den geplanten Ablauf sicherzustellen.

Der nächste Anruf galt Sandro, dem "neuen Neray". Ich informierte ihn kurz über meine Gespräche und bat ihn mir bis zum Abend mitzuteilen, wann und von wem ich am nächsten Tag nach Punta Frances gebracht würde. Der Abend verstrich wie ich es geahnt hatte ohne Rückruf. Am nächsten Morgen stand ich dann im Büro bei Sandro und erklärte ihm, dass ich es nicht gewohnt sei so zu arbeiten und dass unter seinem Vorgänger immer alles bestens funktioniert hätte. Ich wäre nicht bereit mir Ausreden anzuhören und wollte über den Ablauf Bescheid wissen. Kleinlaut gab mir der Neue zur Antwort, dass er es bislang nicht geschaft hätte, einen staatlichen Fahrer für mich zu organisieren, im Wissen um die schlechten Strassenverhältnisse in der Südzone, hatten diese sich geweigert die Tour anzunehmen. Ich könnte doch am Morgen der Ankunft des Schiffes mit dem Boot vom Hotel Colony zur Punta Frances fahren, das wäre eine Möglichkeit. Ich lehnte dankend ab, ich hätte auf diese Weise die Vorbereitungen vor Ort nicht überwachen können. Ersatz musste her, koste es was es wolle. Ich rief wieder bei Neray an und wie schon früher präsentierte er mir die Lösung: Klaus!

Klaus - meine Rettung

Klaus ist ein sächsisches Unikum und hat mittlerweile den Aufstieg zu einer kleinen Berühmtheit geschafft. Er wird in zahlreichen Reiseführern und im Internet erwähnt. Sogar im letzten Merianheft, das unter anderem über die Insel der Jugend berichtet ist er präsent! Klaus, dessen sächsischer Akzent auch nach 30 Jahren in der Ferne immer noch sein Markenzeichen ist, hat es kurz vor der Wende hierher verschlagen. Wie bei vielen war es eine Liebesgeschichte die nicht so ganz glücklich verlief. Er blieb trotzdem auf Kuba und hat es nach eigenen Aussagen nie bereut! Heute lebt er mit Frau und Sohn in Nueva Gerona und betreibt mit seinem kleinen weißen Hyundai Atos ein privates Taxigeschäft, das trotz weniger Touristen hier relativ gut läuft. Klaus hat seine deutschen Tugenden, speziell die Pünktlichkeit, nie abgelegt und das rechnen ihm die vielen Stammkunden, zu denen ich mich mittlerweile auch zähle, hoch an. Gerade hier auf Kuba, gerade hier auf der Isla Juventud! Faszinierend zudem, obwohl jahrelang auf der Insel unterwegs waren wir uns noch nie über den Weg gelaufen, und das an einem Ort wo jeder jeden kennt!

Taxifahrer Klaus mit seinem Hyundai Atos

Klaus wurde zu meiner Rettung, und ich in gewisser Weise zu seiner. Er hatte schon lange Zeit versucht mit Kunden offiziell in die genehmigungspflichtige Südzone zu kommen. Die Regularien ließen dies jedoch nicht zu, denn nur staatlichen Taxis oder Touristen mit Mietwagen und in Begleitung eines staatlichen Reiseleiters war dies zum damaligen Zeitpunkt erlaubt! Mit mir an der Seite änderte sich dies nun. Aufgrund fehlender Alternativen schufen die Behörden den Präzedenzfall und ich hatte auf der langen Fahrt gen Süden ab sofort und auch bei allen weiteren Reisen auf der Isla Juventud in den darauffolgenden Jahren einen deutschsprachigen Begleiter und Freund gewonnen. Aus den Lautsprechern des kleinen weißen Atos hörte ich vertraute heimische Klänge: "... ein knallrotes Gummiboot..."

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