Eine Seilbahn in die kolumbianische Realität


Wie nach Rom, so führen auch viele Wege nach Medellín. Die sicherlich atemberaubendste Möglichkeit in die zweitgrößte Stadt Kolumbiens zu gelangen, bietet das Metrocable. Über diese städtische Seilbahn kann man sich im Wahrsten Sinne des Wortes zu den 2,4 Millionen Einwohnern der Hauptstadt der Region Antioquias abseilen.

Doch, um sich von hier dem urbanen Dschungel zu nähern, muss man sich erst einmal durch den Urwald des ökotouristischen Regionalparks Arví arbeiten. Aber es lohnt sich, der An- und Ausblick, wie sich das riesige Meer an streichholzgroßen Baumriesen abrupt mit einem endlosen Ozean an Wellblech vermischt, ist grandios. Vergleichbar vielleicht nur mit dem Zusammenlaufen zweier andersfarbiger Flüsse.

Arví liegt im Nordosten, etwas oberhalb Medellíns auf etwa 2.200 bis 2.600 Meter. Die Autobahn Bogotá-Medellín ist nicht weit und man kann den Ausflug auch gut mit einem Wochenende in Guatapé verbinden. Die 16.000 Hektar des Parks bedecken unterschiedliche Wälder. Wenn man seine Größe auf die Bevölkerung Medellíns herunterrechnen würde, könnte jeder 12 Quadratkilometer bewohnen. Doch der Naturpark und seine Grenzen sind geschützt vor dem weiteren Anwachsen der Stadt. Durch sein Biotop ziehen sich 54 Kilometer an Wanderpfaden, die gut beschildert und in unterschiedliche Themengruppen eingeteilt sind. Sie sind ausreichend beschildert und je nach Jahreszeit auch gut besucht, so dass man sie leicht alleine bewandern kann. Für ein Entgelt bietet der Park aber auch geführte Touren an (für zwei Stunden etwa 15€ pro Person). Festes Schuhwerk und warme Wechselkleidung sollte man aber dabei haben, da die Durchschnittstemperatur aufgrund der Höhe nur bei etwa 15°C liegt.

Medellin
Foto: Stephan Kroener

Die Wege lassen sich auch gut miteinander verbinden, so dass man einige Stunden unter dem Laub der Bäume verbringen kann. Um sich selbiges auch mal von oben ansehen zu können, kann man sich nach einer anstrengenden Wanderung, in der Seilbahn in Ruhe der Perspektivverschiebung hingeben. Pro Jahr nutzen rund 11 Millionen Passagiere die fünf unterschiedlichen Linien Medellíns, welche für Kolumbien immer noch ein neuartiges Transportsystem sind. Der Betrieb und sein Ausbau finanzieren sich über das UN-Konzept zum Klimaschutz durch Emissionshandel.

Medellín ist stolz auf sein innovatives Nahverkehrssystem aus U-Bahn, Bus, Straßen- und Seilbahnen. Letztere sind eine fantasievolle Lösung wie man das Verkehrschaos umgehen kann und vor allem sozial-marginalisierte Viertel an die Stadt anbinden kann. Es ist eine Form der Fortbewegung, die in einigen lateinamerikanischen Städten, wie beispielsweise im bolivianischen La Paz, im venezolanischen Caracas und in Mexiko-Stadt, Schule gemacht hat. Auch die kolumbianische Hauptstadt Bogotá, die schon immer halb spöttisch, halb neidisch auf den kleineren, aber gewiefteren antioquenischen Nachbarn geschaut hat, eröffnete letztes Jahr seine erste Seilbahn.

Medellin
Foto: Stephan Kroener

Die Konkurrenz hat Tradition und führt weit zurück bis zu den Anfängen der Republik Kolumbien. Während das Departement Antioquia​ mit seiner Regionalhauptstadt Medellín das wirtschaftliche Zentrum wurde, ist Bogotá seit der spanischen Eroberung Hauptstadt und politische Machtzentrale des Landes. Diesen kleinbürgerlichen Regionalismus könnte man mit dem zwischen München und Berlin vergleichen. Allerdings hat weder die bayrische noch die preußische Residenzstadt eine Seilbahn und das was sich aus den Fenstern von dort oben bewundern lässt, hat eher etwas von Schwarzwald-Idylle. Doch plötzlich ändert sich das Panorama und man fällt wieder zurück in die lateinamerikanische Realität aus Wellblech und roten Backsteinen. Sprichwörtlich völlig aus der Luft gegriffen, landet man in anderem Fahrwasser, obwohl man doch die Gondel, die einige dutzend Meter über dem Erdboden schwebt, nicht verlassen hat. Vom ausufernden Grün des Waldes schwebt man ins bräunlich-graue Nichts aus unverputzter Armut und in der Ferne silbrig schimmernden Hochhäusern. Diese soziale Kluft kann auch keine noch so moderne Seilbahn überbrücken.

Auf den Dächern unter einem liegen Kleidungsstücke zum Trocknen aus. An der Wäsche vorbei kann man seinem geheimen Voyeurismus frönen und den Bewohnern bei ihrem täglichen Treiben zusehen. Mit jedem Meter, den sich unser Seiltanz vorwärts bewegt, stehen die zusammengezimmerten Hütten dichter. Sie scheinen nicht nur in die Breite sondern vor allem in die Höhe zu wachsen. Jedes neue Stockwerk ist immer ein bisschen grösser und ragt über das darunterliegende hinaus. Steile Straßen und enge Gassen erinnern an mittelalterliche Städte, die wahrscheinlich genauso exakt geplant worden sind.

Die Waldgrenze scheint stabil, obwohl man gut erkennen kann, wie der Mensch sich immer weiter in die Wildnis vorwagt, echte amerikanische frontier oder colonos, wie die Kolonisten in Kolumbien genannt werden. Eine andere Grenze ist nicht sichtbar, die der Gangs. Die berüchtigten fronteras invisibles, die unsichtbaren Grenzen, markieren Territorien der organisierten Bandenkriminalität. Sie zu überschritten kann für viele Bewohner tragisch enden. Doch wir als Touristen überfliegen sie regelrecht. Durch unsere Plexiglasscheiben läuft das kolumbianische Leben wie im Spielfilm ab und natürlich erinnern wir uns an die Serien und Hollywoodklassiker über Pablo Escobar, der in Medellín aufgewachsen ist.

In nur 14 Minuten hat man die über 4.500 Meter auf dem Seil zurückgelegt. Eine Strecke, die uns die Schönheiten aber auch die Probleme Kolumbiens vor Augen geführt hat. Unten angekommen, hilft uns ein freundlicher Polizist aus der sich langsam weiterdrehenden Gondel, die nun wieder in entgegengesetzter Richtung aus Medellín entschwebt.

  • Unser Blogger in Kolumbien

    Stephan Kroener hat einen Großteil der letzten Jahre in Kolumbien verbracht. Seit 2018 unterstützt er avenTOURa mit Erlebnisberichten zu seinem Lieblingsland.

avenTOURa ist mit Auszeichnungen und Mitgliedschaften seit nahezu 25 Jahren in der Touristikbranche etabliert.