El Páramo: Eine kolumbianische Mondlandschaft


50 Jahre Mondlandung, ein Grund zur Feier und ein Grund, den nahen Páramo zu besuchen. Ein Trip, der uns die Weite des Alls und die Kolumbiens mit seiner großen landschaftlichen Vielfalt näher bringt.

Raus aus dem Smog Bogotás, rein in die frische Kälte des Páramo

Wer die kolumbianische Hauptstadt besucht, sieht sie meist nur von weitem die Berge, die die Stadt im Osten begrenzen. Vielleicht fährt der ein oder andere auch mal auf den Monserrate oder sogar den Guadalupe, die beiden Hausberge, die die Skyline der knapp Zehn-Millionen-Metropole bestimmen. Doch hinter ihnen eröffnet sich eine so ganz andere Welt.

Der Schnitt zwischen dem wirren, lauten und durch Abgase verlebten Bogotá und der Mondlandschaft des Páramo ist überwältigend. Auch die Fahrt hinauf in die Berge lässt sich nur mit der eines Raketenstarts vergleichen, nur dass die Busse wenig von einem Spaceshuttle und die Serpentinen wenig einer geraden Reise durchs All haben. Doch 50 Jahre Mondlandung geben uns das Recht zu diesem Gleichnis. Das bogotanische Cap Canaveral liegt direkt hinter der städtischen Polizeiwache, der Policía Metropolitana de Bogotá. Das Kennedy Space Center in Florida ist sicherlich größer als die kleine Wartehalle in der nur ein Ticketschalter bereitsteht. Hier besteigt man dann aber doch die klapprige Raumfähre, unsere persönliche Saturn-V-Rakete und schießt steil die Calle 6 hinauf, bis in die Unendlichkeit und noch viel weiter. Man lässt die sich in den Hang fressenden marginalisierten Viertel von Los Laches und El Guavio hinter sich und steigt von 2.600 schnell auf über 3.000 Meter auf und damit – wie ein bekannter Werbespruch von Bogotá es beschreibt – „näher zum Himmel“.

Fahrradfahrer rasen wie Meteoriten und Weltraumschrott an einem vorbei, während sich der Bus nun doch immer mehr müht, seine Umlaufbahn zu halten. Wir kreisen Kurve für Kurve hinauf, bis wir den Asteroidengürtel der Guadalupe hinter uns lassen, der aus vielen kleinen Fressbuden besteht, die sich um die lateinamerikanischste aller Jungfrauen reihen. In den Wäldern, die sich aus den grauen Nebelschwaden Bogotás den Berg hinaufretten, stehen Schilder, die vor Räubern warnen. Es ist nicht ratsam, auf den Bus zu verzichten und genauso jungfräulich wie Guadalupe hier rauf zu wandern, denn Heilige trifft man wenige auf dem Weg.

Doch zurück zu unserem Raumschiff. Die Fahrt dauert circa 45 Minuten - also etwa genau 109 Stunden weniger als die Apollo-11-Mission zum Mond brauchte. Doch es ist auch kein Wettlauf wie im Kalten Krieg. Trotzdem sollte man dem Fahrer zuvor einbläuen, dass man beim Páramo austeigen möchte. Auch ist es ratsam, auf ein echt US-amerikanisches Astronautenfrühstück mit Steak und Eiern, wie die Crew um Neil Armstrong es im Juli 1969 vor ihrem Abflug aß, zu verzichten. Frühstücken Sie lieber nicht zu viel und – auch wenn Sie den Bus in der Calle 6 leicht mit einem Handzeichen anhalten können – steigen Sie lieber direkt an der genannten Bushaltestelle ein, denn ohne Sitzplatz steht Ihnen Ihr Magen bald im Gesicht.

In Kolumbien gibt es dutzende von guten Ratschlägen gegen Übelkeit. Mein Favorit, den ich nie ausprobiert habe und zu dem auch nicht weiter raten würde, ist, einen kleinen Schluck Benzin vor der Fahrt zu nehmen. Ob Ihr Motor dann besser läuft, kann ich aber nicht sagen. Wahrscheinlich brechen Sie und dann wahrscheinlich auch ihre Reisepläne ab. Limonen dagegen helfen- im Bus wie auf hoher See. Reiben Sie sich einfach die eine Hälfte während der Fahrt unter die Nase und bieten Sie die andere der netten SitznachbarIn an.
Wenn alles nichts hilft, gibt es in Kolumbien die „bolsa“, damit Sie sich nicht Ihren Raumanzug schmutzig machen. Rufe nach der Tüte (span. bolsa) werden Sie sicher oft hören, wenn Sie in den kolumbianischen Anden und in öffentlichen Überlandbussen unterwegs sind. „Eine Tüte für das Mädchen“ auf die der Busfahrer allzu oft mit dem Witz antwortet: „In welcher Geschmacksrichtung“. Die Pointe ist dann der Geruch nach Erbrochenem, der sich von vorne nach hinten zieht. Busfahren in Kolumbien wird damit zu einer wahren Sinneserfahrung.

Sollten Sie es ohne Unter-Brechung bis hinauf geschafft und Ihre Astronautenkost bei sich behalten haben, stehen Sie vor dem kleinen, privaten Naturpark Parque Ecológico Mataredonda. Der Name lässt sich als „Rundpflanze“ übersetzen und stammt von dem myrtenartigen Tuno Esmeraldo (miconia squamulosa), einem endemischen Andenstrauch der hier wächst. Koordinatentechnisch befinden wir uns zwischen dem Kilometer 16 und 20 auf der Stecke nach Choachí. Hier verabschieden wir uns von unserem busfahrenden Michael Collins, der nun weiter im NASA-Modul „Columbia“ (nicht Colombia = Kolumbien) seine Bahnen zieht, bis er uns als gefühlte Neil Armstrongs und Buzz Aldrins nach unserem Mondspaziergang wieder aufsammeln wird.

Der Naturpark Mataredonda und seine Mondlandschaft erstrecken sich über 3.200 Hektar der Gemeinden Choachí, Ubaque und dem Hauptstadtbezirk Santa Fe de Bogotá auf etwa 3.300 bis 3.500 Höhenmetern.

Foto: Stephan Kroener

Die Temperatur liegt im Jahresdurchschnitt bei 5°C bis 15°C. Das Klima ist feuchtkalt und warme, wetterfeste Kleidung ist gut angedacht. Wasser ist das, was den Páramo ausmacht. Er speichert das nasse Gut und beliefert Bogotá damit. Gummistiefel oder wasserfeste Trekkingboots sollten unsere Raumanzüge deswegen beinhalten, damit wir auf unseren kleinen Schritten für die Menschheit nicht nass werden.

Der Eintritt in diese feuchtfröhliche Welt des Páramo kostet 8.000 Pesos und zusätzlich kann man seinen Magen auch wieder neu auffüllen. Ein zweites Frühstück ist je nach Wanderroute anzuraten. Insgesamt gibt es acht offizielle Wanderwege, die zwischen 7 und 19 Kilometer lang sind. Zwei der bekanntesten sind der zur Lagune Teusacá und der zu dem kleinen Wasserfall La Abuela, zu Deutsch „Die Großmutter“. Teusacá ist indigenen Ursprungs und bedeutet in Chibcha, der Sprache des autochthonen Muisca-Volksstammes, „gemietete Umzäunung“ oder auch „Gefängnis“. Wir kehren aber erst einmal auf einen Imbiss ein, bevor wir uns in diese Umzäunung begeben und weiter auf die nasse Seite des Mondes vordringen werden.

  • Unser Blogger in Kolumbien

    Stephan Kroener hat einen Großteil der letzten Jahre in Kolumbien verbracht. Seit 2018 unterstützt er avenTOURa mit Erlebnisberichten zu seinem Lieblingsland.

avenTOURa ist mit Auszeichnungen und Mitgliedschaften seit nahezu 25 Jahren in der Touristikbranche etabliert.