Kolumbianische Karibik abseits von Cartagena


In Kolumbien gibt es viel zu entdecken. Gerade die Karibikküste hat mehr zu bieten, als die üblichen Touristenführer zugeben. Eine dieser Wunderwelten ist der maritime Naturschutzpark der Inseln und Korallenriffe von Rosario und San Bernardo südlich von Cartagena. Auf dem Weg ins Paradies landen wir an der am dichtesten bevölkerten Insel der Welt, deren Bewohner ihre Türen nicht abschließen müssen.

Kolumbien ist das einzige Land Südamerikas, das sowohl am Pazifik wie auch am Atlantik beziehungsweise an der Karibik liegt. 2900 Kilometer Küste bieten eine Vielfalt an Stränden. Von den Dschungelwäldern im Chocó, deren Flüsse die Strände schwarz färben, bis zu den Wüsten der Guajira. Trotzdem reisen die meisten ausländischen Touristen nur von Cartagena nach Santa Marta und zurück nach Bogotá. Viele Kolumbianer hingegen schätzen die Gegend zwischen den Departamentos Sucre und Córdoba und machen Urlaub in Tolú oder Coveñas.

Tolú kann man getrost auslassen, wenn man nicht gerade Lust auf Ballermann-Gefühle hat. Das Städtchen etwa zwei Stunden von der Departamentshauptstadt Sincelejo entfernt, ist zur touristischen Partymeile geworden und hat durch die Neonlichter viel an früherem Glanz verloren. Die Überlandbusse halten an einem Kiosk knapp außerhalb der Stadt. Von dort geht es mit der Fahrradrikscha zu einem der vielen Hotels an der Strandpromenade.
Obwohl Tolú nicht mehr den Charme vergangener Tage hat, stranden immer Öfter ausländische Touristen an seinen Gestaden. Meistens aber nur, um von hier frühmorgens mit einem Motorboot zu den vorgelagerten Inseln auszurücken. Für die sollte man sich gut rüsten, denn wie das nun mal so ist mit Inseln, sie sind nur zu Wasser oder Luft zu erreichen, was alle Waren zigmal verteuert. Wer also auf das Kleingeld im Großen achtet, sollte sich deswegen mit Trinkwasser und Snacks eindecken. Ein Essen auf der Insel kostet in etwa das Anderthalbfache des Festlandpreises. Doch es lohnt sich.

Archipel San Bernardo (Foto: Stephan Kroener)

Santa Cruz del Islote

Wir legten wie viele andere gegen acht Uhr früh von der Anlegestelle ab. Etwa 15 Personen fasste unser Boot, die meisten kolumbianische Tagestouristen. Da sich Tolú in einer Bucht im Golf von Morrosquillo befindet, ist der Wellengang recht niedrig. Trotzdem sollte man bei dieser wie bei vielen anderen Bootsfahrten die aufs offene Meer hinausgehen, sich möglichst weit nach hinten setzen. Das schont den Rücken und spart ebenfalls Massagekosten, die auf den hiesigen Inseln und Stränden wahrscheinlich gerade aus diesem Grund angeboten werden.

Die ausgeblichenen Fassaden und die letzte Nacht in Tolú lässt man schnell hinter sich, wenn man in rasantem Tempo durch das Wasser schneidet. Die erste Station ist sogleich ein Highlight. Santa Cruz del Islote ist nachweislich die am dichtesten bewohnte Insel der Welt. Sie ist Teil des Archipiélago de San Bernardo, der seit Anfang der 1990 Jahre als maritimes Naturschutzgebiet Parque Nacional Natural Islas Corales del Rosario y San Bernardo besteht.
Auf der nur 1,2 Hektar großen Insel Santa Cruz leben in knapp 100 Häusern etwa 500 Menschen, die oft untereinander verwandt sind, was auch dadurch klar wird, dass nur sechs unterschiedliche Nachnamen auf der Insel vorkommen. Reinrechnerisch liegt die Bevölkerungsdichte bei 40.000 pro Quadratkilometer. Zum Vergleich, in Tokio, das die Rangliste der am dichtesten bevölkerten Städte der Welt anführt, leben „nur“ 15.000 Menschen pro Quadratkilometer.

Ankunft in Santa Cruz del Islote (Foto: Stephan Kroener)

Die Insel wurde etwa 20 Kilometer vom Festland entfernt, künstlich auf einem Riff angelegt. Grund dafür war die enorme Moskitoplage auf den angrenzenden Inseln, die die Bewohner auf dieses Eiland verschlug. Es gibt so wenig Raum, dass nicht einmal die Toten Platz finden. Nach einer Leichnamsprozession werden die Überreste auf Friedhöfen auf den übrigen Inseln oder dem Festland bestattet. Über die Hälfte der Einwohner von Santa Cruz sind Kinder, die einen auch sofort an der Anlegestelle abholen. Touristen sind eine willkommene Einnahmequelle für die Insulaner. Rund 1,50 Euro kostet die Tour über die Insel, die durch die engen Gassen führt, um schließlich vor dem maritimen Zoo der Insel zu enden.

Der Stolz der Insulaner ist für viele ein Horror. Denn wie die Menschen, leben auch die Tiere auf engstem Raum. In zwei gekachelten und kahlen Becken werden Meerestiere aller Art gehalten. Die Besucher können auch zu den schon allein durch die Raumenge und das fehlende Refugium gequälten Tiere ins Wasser steigen, sie betasten oder sich an ihre Flossen heften und ziehen lassen. Auf Nachfrage wird uns mitgeteilt, dass man die Haltung in den letzten Jahren durchaus verbessert hat, zum Beispiel, dass die Touristen heutzutage die Fische nicht mehr aus dem Wasser halten dürfen, was sie früher für Selfies gerne getan haben.

Wir verlassen die Insel mit diesem etwas getrübten Gefühl. Doch ein anderes, menschengemachtes Übel hat die Flora und Fauna dieses Naturparadieses noch stärker in Mitleidenschaft gebracht. Die Pipeline Caño Limón–Coveñas, endet im Golf von Morrosquillo. Bei den Verladevorgängen kommt es immer mal wieder zu Unfällen, was die örtliche Fischerei aber auch den Tourismus einschränkt und teilweise bedroht. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Touristen diese Gegend besuchen. Einerseits, um sie durch nachhaltigen Tourismus zu bewahren und ein Bewusstsein für den Artenreichtum de Region zu schaffen. Andererseits, um den Menschen vor Ort eine wirtschaftliche Perspektive zu geben. Die Wunder die man in Kolumbien beobachten kann, dürfen nicht durch den Raubbau an der Natur bedroht werden, sondern müssen für spätere Generationen bewahrt werden.

Eines dieser Wunder lässt sich jede Nacht aufs Neue in den Mangroven der Nachbarinseln bestaunen. Mit einem Boot wird man bei einbrechender Dunkelheit in das verzweigte, natürliche Kanalsystem der Insel Tintipán gefahren. Sie ist mit 3,3 km Länge und 1,7 km Breite die größte Insel des Archipels San Bernardo. Schon alleine die Fahrt ist ein Erlebnis, doch was einen dann im Wasser erwartet ist wie eine Fantasiewelt aus einem Science-Fiction-Film. Doch dazu mehr im nächsten Blog…

Lesen Sie hier, wie es in die Wunderwelt des leuchtenden Planktons geht und wir die Insel Múcura „entdecken“.

  • Unser Blogger in Kolumbien

    Stephan Kroener hat einen Großteil der letzten Jahre in Kolumbien verbracht. Seit 2018 unterstützt er avenTOURa mit Erlebnisberichten zu seinem Lieblingsland.

avenTOURa ist mit Auszeichnungen und Mitgliedschaften seit mehr als 20 Jahren in der Touristikbranche etabliert.