Medellin - Blumen und Graffitis zwischen Rolltreppe und Morgengrauen


Auf Medellín fahren alle ab. 2012 wurde die Stadt vor allem auch aufgrund ihrer Nahverkehrsinfrastruktur vom Wall Street Journal und in Zusammenarbeit mit dem Urban Land Institute zur innovativsten Stadt der Welt ernannt. Viele Kommentatoren überboten sich dabei, eine schlichte Rolltreppe zur Wundertüte für diesen Wandel zu erklären, die die einstmals verruchte und mordreiche Drogenhochburg sprichwörtlich zu neuen und bunten Gipfeln brachte.

Die seit Dezember 2011 „längste Freiluftrolltreppe der Welt“ – Gott schütze Kolumbien und seine Superlative – überwindet, so heißt es, „einen Höhenunterschied von umgerechnet 28 Stockwerken“. Diese 130 Höhen- und 384 Laufmeter legt die von einem Besucher aufgrund ihrer Dachkonstruktion „orange Raupe“ genannte Treppe unterteilt in sechs Abschnitte und in sechs Minuten zurück. Dies verkürzt den Weg für die Anwohner enorm, keine Frage, allerdings wurde diese Stairway to Heaven nicht ausschließlich für diesen Zweck gebaut. Niemand investiert 5,1 Millionen Euro in eine Rolltreppe in einem der ärmsten Viertel Kolumbiens und gewalttätigsten Orte der Welt, und bietet noch dazu die Benutzung kostenlos an. Es ist ein Tourismusprojekt – und es funktioniert.

Denn die orange Raupe belebte die grauen Hänge des Viertels. Graffitikünstler besprühten die Hausfassaden mit bunten Bildern, die Streetart eroberte die Straßen der Comuna 13. Diese ist nicht nur die größte der 16 Stadtteile Medellíns sondern auch der berüchtigtste. Rund 140.000 Menschen sollen hinter den Millionen von roten Backsteinen wohnen. Keine Statistik wird dieses Gewimmel jemals in Tabellen fassen können.

Rolltreppe in Medellin

Die "orange Raupe" (Foto: Stephan Kroener)

Rolltreppe in Medellin

Die "orange Raupe" (Foto: Stephan Kroener)

Rolltreppe in Medellin

Die "orange Raupe" (Foto: Stephan Kroener)

Doch die Rolltreppe brachte ein bisschen Ordnung in dieses am dichtesten bewohnte Viertel Medellíns. Wie die kleine Raupe Nimmersatt hat sie sich in das Häusermeer hineingefressen und wie Mäander gehen von ihr Graffiti-Arme den Berg hinauf. Heute sollen nach Aussagen von Tourguides mehr als 600 Graffitis die Comuna 13 zieren.

Ein Besucher schrieb einmal für die ehemalige schweizerische TagesWoche, dass die Rolltreppe aber leider „auch neue Ausschlussmechanismen geschaffen“ hat. Denn sie ist nur von fünf Uhr morgens bis acht Uhr abends in Betrieb, was für die Menschen, die früh morgens zur Arbeit und spät abends zurück nach Hause finden müssen, nicht viel nützt. Die, die in der unmittelbaren Nähe der Treppe wohnen, profitieren aber direkt von den Touristen und den vielen Polizisten die für Sicherheit sorgen. Doch nur ein paar Straßen weiter, kann sich dies Szenario schon wieder deutlich ändern

Graffiti in Medellin

Graffitis (Foto: Stephan Kroener)

Graffiti in Medellin

Graffitis (Foto: Stephan Kroener)

Graffiti in Medellin

Graffitis (Foto: Stephan Kroener)

Die vielen Polizisten erinnern auch daran, dass die Comuna 13 auch heute noch das am stärksten militarisierte Stadtviertel Medellíns ist. Nur zwei Kilometer weiter den Berg rauf und abseits der Rolltreppe erstreckt sich La Escombrera. Die ehemalige Mülldeponie wurde lange Zeit von Kriminellen verwendet, um hier ihre Opfer zu verscharren. Auch viele Bewohner der Comuna 13 sollen hier unter Bergen von Schutt liegen. Die Operation Orion, eine gemeinschaftliche Militäraktion der kolumbianischen Armee mit urbanen paramilitärischen Gruppen, vertrieb zwar die Guerilla aus der Comuna 13, ersetzte deren Willkürmacht allerdings durch einen Terrorstaat. Offiziell geht man von über 300 Verschwundenen aus, viele von ihnen sollen, so Zeugenaussagen, unter dem Müllberg von La Escombrera vergraben liegen. Eine großangelegte Suchaktion mit schwerem Gerät brachte auch nach knapp drei Jahren kein Ergebnis.

Medellín gehört heute zu den sichersten Städten Kolumbiens. Die Stadt des „ewigen Frühlings“, wie sie aufgrund ihres milden Klimas oft genannt wird, erlebte in den letzten Jahren einen starken Rückgang in den Mordstatistiken. Während zur Hochzeit des Medellín Kartells Anfang der 90er Jahre über 7.000 Tote durch Gewaltakte verzeichnet wurden, so pendelte sich die Zahl in den letzten Jahren bei rund 600 ein. Was für europäische Verhältnisse immer noch erschreckend hoch erscheint. Für ganz Deutschland geht das Bundeskriminalamt für 2018 von 544 vollendeten Morden aus. Aber im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Städten wie etwa Caracas mit knapp 3.000 Toten ist die Mordrate in Medellín immer noch relativ gering.

Graffiti in Medellin
Foto: Stephan Kroener

Medellín ist sicher, vor allem für Touristen. Dies bezeugen Touren in der Comuna 13 wie auch jene „Narcotouren“ die auf den Spuren des Drogenbarons Pablo Escobars und aufgrund der gleichnamigen Netflix-Serie durch die Stadt streifen. Doch Medellín hat noch mehr zu bieten als eine traurige Vergangenheit. Die Feria de las Flores, das Blumenfest, wird jedes Jahr im August ausgetragen. Tausende blumengeschmückte Wagen und Menschen füllen dann die Straßen und lassen viele große und kleine Probleme für einen Moment in den Hintergrund rücken. Die „Hauptstadt der Blumen“ dieser Tage ist aber auch ganzjährig berühmt für ihre großartigen Gartenanlagen wie die des Botanischen Gartens in der Nähe der Universidad de Antioquia. Dort befindet sich auch das Orquideorama, ein architektonisches Juwel und Sinnbild der Erneuerung Medellíns, unter dessen Dach eine Sammlung von Orchideen, Kolumbiens Nationalblume, und anderer Pflanzen angelegt wurde.

Nachts, wenn die Rolltreppe in der Comuna 13 und auch der Jardín Botánico geschlossen haben, feiert im reichen Süden der Stadt das Leben weiter. Das Ausgehviertel Zona Rosa im Stadtteil „El Poblado“ bietet Essen und Party für jeden Geschmack und Geldbeutel. Hier bebt das Leben nach kolumbianischen Rhythmen und mit internationalem Flair. Von den Terrassen der Clubs und Restaurants kann man in der Ferne noch die Lichter der Metro vorbeitorkeln sehen, wie sie langsam zurück in den antioquenischen Morgengrauen wankt. So verbindet die Metro die unterschiedlichen Realitäten zwischen Blumen, Graffitis und Party.

  • Unser Blogger in Kolumbien

    Stephan Kroener hat einen Großteil der letzten Jahre in Kolumbien verbracht. Seit 2018 unterstützt er avenTOURa mit Erlebnisberichten zu seinem Lieblingsland.

avenTOURa ist mit Auszeichnungen und Mitgliedschaften seit mehr als 20 Jahren in der Touristikbranche etabliert.