Medellin - Kultur in der Stadt der Metro


Die Hochbahn Medellíns ist der ganze Stolz der paisas. Doch es gibt in der zweitgrößten Stadt Kolumbiens mehr zu sehen als die cultura metro. Botero, Kunstmuseen und Festivals en masse, lassen Medellín nicht nur auf den Gleisen vibrieren.

Von der Seilbahn geht es gleich weiter zur nächsten Attraktion Medellíns. Für europäische Besucher mag die 1995 eröffnete Hochbahn der Stadt keine wirkliche Sehenswürdigkeit sein, eben einfach nur eine moderne S-Bahn, doch für die paisas – wie die Bewohner Medellíns und der Region Antioquias genannt werden – ist es ihr ganzer Stolz. Denn es ist die einzige Metro Kolumbiens und, nach Aussagen von Kennern, die sauberste Lateinamerikas.

Auf Sauberkeit und gutes Aussehen wird in Medellín ohnehin besonders wert gelegt. Die Frauen gelten als die Schönsten des Landes. Dies ist natürlich Ansichts- und Geschmackssache, und wird vor allem von ihren direkten Konkurrentinnen, den Caleñas bestritten. Doch was unbestritten ist, Frauen in Medellín – und natürlich auch in Cali – helfen oft der Natur etwas nach. Schönheitsoperationen sind Teil des Medizintourismus und gehören zur Kultur wie bandeja paisa und carriel. Doch dazu später, zurück in die Metro. Ob dies so bleibt, hängt von vielen Faktoren ab. Abschrecken sollte man sich aber von ihrer Geschichte nicht.

Obwohl die 78 S-Bahnzüge nur 27 Stationen auf zwei Linien anfahren, hat die Metro ganz bedeutend dazu beigetragen, das Bild und den Ruf der Stadt zu verändern. Man spricht in Medellín von der Cultura Metro, von der U-Bahn Kultur, das bedeutet nicht nur, dass man einer alten Dame oder Schwangeren den Sitz anbietet, sondern auch ein ganz neues Sicherheitsgefühl. Während man in Deutschland von U-Bahn-Schubsern, -Surfern, -Schlägern und schlimmeren hört, ist die Gewalt ein verschwindend geringes Problem innerhalb des Metro-Systems. Die Zugänge sind mit Drehkreuzen abgesperrt und immer steht irgendwo ein junger bachiller, ein Polizeischüler, der überprüft, dass alle auch brav ihre kreditgartengroßen Tickets über den Scanner ziehen. Gerade weil sie der ganze Stolz der Stadt ist, zeigt man in der Metro sein bestes Benehmen. Keine Graffitis, keine Kaugummis, keine kaputten Sitze oder betrunkene, pöbelnde Mitfahrer. Wenn man die Metro in Medellín versteht, versteht man auch die paisas. Vieles ist aufgesetzt, geschminkt und gespielt, aber man kann sich daran durchaus gewöhnen und auch damit wohlfühlen.

Metro in Medellin
Foto: Stephan Kroener

Doch irgendwann ist jede Bahnfahrt einmal zu Ende. Steigen wir also aus und bestaunen wir, was es außer Metro in Medellín noch an Kultur zu sehen gibt. Als erstes sollte man Botero einen Besuch abstatten. Der weltberühmte Künstler hat dick zur Kunstform aufgerufen. Seit Jahrzehnten stehen und hängen seine überproportionierten Stauen und Bilder in den Kunstsammlungen dieser Welt. Fernando Botero ist der Michelangelo Kolumbiens und seine Sixtinische Kapelle öffnet sich geradewegs vor dem Ausgang der Metro.

In Spalier stehen seine voll- und wohlproportionierten Figuren vor dem Platz des Museo de Antioquia. Wenn man nicht in fremden Fotoalben landen will oder Angst vor Selfiesticks hat, sollte man hier lieber nicht langgehen. Fast alle dieser Skulpturen und der Gemälde im Museum wurden vom Künstler an seien Heimatstadt gespendet. Botero muss man lieben, einmal gesehen haben und dann verdauen. Auch sollte man nicht mit leerem Magen ein weiteres Museum der Stadt betreten, dass 2011 eröffnete Museo Casa de la Memoria, welches an die Drogenkriege und bewaffneten Konflikte Kolumbiens im 20. Jahrhundert erinnert.

Plaza de Botero in Medellin
Foto: Stephan Kroener

Um sich auf die traurige gewaltätige Geschichte Kolumbiens einzustimmen, kann man auf dem Weg dorthin einen Schlenker machen über den Parque San Antonio und sich noch einmal einen anderen Botero ansehen. Denn die Gewalt machte auch vor dem Bildhauer und Künstler nicht halt. Einer seiner überproportionierten Vögel aus Bronze wurde 1995 bei einem Anschlag auf eine Kulturveranstaltung als Bombe missbraucht. Die vor der Skulptur postierten Sprengsätze töteten 23 Besucher und verletzten hundert weitere. Die Täter wurden nie gefasst und ihre Hintermänner und -gründe blieben im Dunkeln. Man vermutet, dass es möglicherweise eine Warnung an den Sohn Boteros gewesen war, den damaligen Verteidigungsminister Fernando Botero Zea, der Monate zuvor den Krieg gegen die Drogenkartelle erklärt hatte. Botero stellte seiner “verletzten Taube” eine Kopie zur Seite. Die Friedenstaube ist seitdem ein Symbol des Widerstandes der Stadt gegen Gewalt und Hass.

Auch im Museo de Arte Moderno de Medellín (MAMM zu Deutsch Museum der Modernen Kunst Medellíns) ist das Thema der Gewalt gegenwärtig und verarbeitet. Doch man sollte sich davon nicht täuschen lassen. Paisas sind ein durchaus lebensfroher Menschenschlag und Medellín ist ihre Herzkammer. Dutzende Festivals und Events lassen sie pulsieren. Allen voran die Feria de las Flores, das Blumenfest (dazu mehr im nächsten Blog) und das Festival de las Luces, das Lichterfest, welches jeden Dezember den Fluss Medellín weihnachtlich ausleuchtet. Daneben stehen im Kulturkalender der Stadt das Internationale Poesiefestival Medellíns; Colombiamoda,die kolumbianische Fashionweek; das internationale Tango-Festival, im Gedenken an den 1935 bei einem Flugzeugabsturz in der Stadt verunglückten argentinischen Komponisten und Sänger, Carlos Gardel. Als ein Geheimtipp gilt immer noch die Comiccon, die Comic-Messe.

So hat nicht nur die Metro, sondern vor allem auch die urbane Kulturszene geholfen Medellíns Ruf zu verändern, weg vom Drogen- und Gewaltimage, hin zur innovativen Kulturmetropole.

  • Unser Blogger in Kolumbien

    Stephan Kroener hat einen Großteil der letzten Jahre in Kolumbien verbracht. Seit 2018 unterstützt er avenTOURa mit Erlebnisberichten zu seinem Lieblingsland.

avenTOURa ist mit Auszeichnungen und Mitgliedschaften seit mehr als 20 Jahren in der Touristikbranche etabliert.