Reisebericht: Coca-Tee auf dem Cotopaxi


"Die indigene Bevölkerung bezeichnet ihn als „Thron des Mondes“: Eine Wanderung auf dem höchsten aktiven Vulkan Ecuadors ist ein atemberaubendes wie berauschendes Erlebnis...

Hätte man doch bloß bei den Händlern in Quito zugegriffen, die in ihren Bauchläden bergeweise Coca-Produkte über die Plätze schaukeln. Coca-Bonbons, Coca-Tee und getrocknete Blätter zum Kauen, seit viele Jahren bewährte Mittel gegen Höhenkrankheit. Wie gerne würde man jetzt so einen Muntermacher probieren, auf dass er den Schwindel und die Kälte vertreiben möge. Aber die Einsicht kommt zu spät: Die ecuadorianische Hauptstadt ist mehr als zwei Autostunden entfernt und vor uns erhebt sich der Cotopaxi – einer der höchsten aktiven Vulkane der Erde, eine 5.897 Meter hohe Herausforderung mit strahlend weißer Schneekrone, umschwebt von einem flauschigen Wolkenponcho. Nun muss es ohne Coca-Stimulanzien dort hinaufgehen. Schritt für Schritt, Meter für Meter. Mit jeder Serpentine wird der Weg steiler, die Luft dünner, der Wind bissiger.

Cotopaxi

Gänsehaut-Erlebnisse

Doch nicht erst in diesen unwirtlichen Höhen hatte man zu schaudern begonnen, schon das Auftauchen des Cotopaxi am Horizont war ein Gänsehautereignis. Ganz allmählich hatte sich der Wolkenvorhang aufgezogen und den Blick auf den Hünen freigegeben, der mit seinem perfekt geformten Kegel das Supermodel unter den 20 Feuerbergen an der “Avenida de los Volcanes” ist. So nannte Alexander von Humboldt diese weltweit einzigartige Ansammlung von Vulkanen – neun sind höher als 5.000 Meter und acht noch aktiv – auf seiner Südamerika-Expedition 1802.

In nächster Nachbarschaft des Cotopaxi residiert in schweigender Eintracht das Vulkanpaar Iliniza Norte und Sur. Nach Ansicht der indigenen Bevölkerung ist der eine Berg männlich und der andere weiblich, beide sind knapp über 5.100 Meter hoch – eine Partnerschaft fast auf Augenhöhe, die sich offenbar nichts mehr beweisen muss: Die Vulkane gelten als erloschen.
Anders der Cotopaxi-Riese, der noch immer nicht zur Ruhe gekommen ist. Nicht nur wegen der Sauerstoffarmut ist uns daher ein wenig mulmig zumute. 1904 hat sich der Feuerspucker zum letzten Mal kräftig ausgetobt, rein statistisch ist die nächste Eruption längst überfällig. Und überhaupt fühlt man sich wie die personifizierte Anmaßung, denn dem Cotopaxi kommt keine geringere Bedeutung zu, als der “Thron des Mondes” zu sein (auch wenn die schneeüberzogene Spitze eher so aussieht, als wäre ein weißer Himmelskörper daran zerschellt und ausgelaufen).

Schon vor dem Beginn des Inka-Imperiums im 15. Jahrhundert wurde der Berg als Regenspender und Sitz von Göttern verehrt. Diesen wollen wir also erklimmen – und dabei weder Rache fürchten noch Mimose sein. Humboldt ist hier schließlich auch schon hoch, ohne Hightech-Kleidung, GPS und Emilio.

"Für Emilio ist die Besteigung des Cotopaxi ein sportlicher Spaziergang"

Der Bergführer hieß erst noch Israel Paez, als er zu uns stieg: “Über 3.200 Metern bin ich für euch dann Emilio.” Die Namensgrenze haben wir bald passiert – trotz Holperpiste und des Stopps für unkundige Touristen, die an den Ständen des Besucherzentrums noch schnell Alpaka-Strümpfe und -Mützen gegen die dräuende Kälte erwerben mussten. Der Parkplatz, an dem wir unsere Wanderung beginnen, liegt auf 4.658 Metern. Humboldt, der sich als erster Europäer an den Cotopaxi herangewagt haben soll, gelangte zwar nur bis auf 4.500 Meter, allerdings nicht mit dem Auto, sondern zu Fuß mit schlechtem Schuhwerk.

Für Emilio, ein durchtrainiertes Federgewicht aus dem Hochland, ist die Besteigung des Cotopaxi ein sportlicher Spaziergang: “Einmal pro Woche gehe ich da hoch, um in Form zu bleiben”, sagt der Mestize, der an der Bonner Universität Genetik studiert und daher seine Deutschkenntnisse hat. Seinen Landsleuten scheint der Hang gerade anspruchsvoll genug für den sonntäglichen Familienausflug zu sein. Wie unsereins nach dem Wirtshausbesuch durch Wald und Wiesen schlendert, streben die Leute aus Quito am Wochenende bis zur Schutzhütte Jose Ribas auf 4.810 Metern Höhe – auch deswegen, um den Kindern Schnee zu zeigen, den es in dem Land am Äquator nur auf den Bergen gibt.

Schon von weitem erkannt man, wer Fremder und wer Ecuadorianer ist: Die Einheimischen arbeiten sich den direkten, steilen Weg herauf, während die Touristen den alternativen Aufstieg wählen – einen Pfad, der sich in Serpentinen langsam in die Höhe schlängelt und trittsicherer ist. Die Touristen tragen Outdoor-Kluft und Kameras, die Einheimischen modische Stiefel und manchmal auch Steppkes und Schoßhündchen, denen die Puste ausgegangen ist. Die erwachsenen Quitenos stecken die Kletterpartie recht locker weg. Als Bewohner der höchstgelegenen Hauptstadt der Welt sind sie aber auch bestens akklimatisiert, also mit vielen roten Blutkörperchen ausgestattet.

"Geht langsam, trinkt viel und versucht, euren eigenen Rhythmus zu finden."

Wer auf dem letzten Loch pfeifend die Bergstation Jose Ribas erreicht und mit mattem Stimmchen einen Coca-Tee bestellt, ist jedenfalls klar Tourist. Und tatsächlich: Das nach Heu duftende und nach Gras schmeckende, gezuckerte Gebräu wirkt Wunder: Die Kälte weicht aus den Gliedern, das Herz schlägt ruhiger, der Taumel verfliegt. Die Blätter des Coca-Strauchs gelten als wirksam gegen die Symptome der Höhenkrankheit, weil sie die Sauerstoffaufnahme verbessern. Noch einen Becher, bitte! Und noch einen! Jetzt könnte man glatt noch höher steigen, zumindest bis zur Schneegrenze! Man war ja auch erst eine halbe Stunde unterwegs und hat noch nicht mal 200 Höhenmeter überwunden.

Und an der Schutzhütte geht es eigentlich auch erst so richtig los. Vor dem Gipfelaufstieg, der kurz nach Mitternacht startet, nächtigen die Wanderer oben unterm Dach. Doch für unsere Gruppe ist das Abenteuer hier zu Ende, unser Schlusslicht wird erst 45 Minuten später und mit aschfahlem Gesicht eintreffen. Zumindest dürfen wir uns am Ende alle attestieren: Wir haben es auf 4.810 Meter geschafft – exakt die Höhe des Mont Blanc, dem höchsten Berg in Europa. Emilio hatte sich als exzellenter Motivationskünstler erwiesen und als Philosoph dazu. “Dort oben ist man für alle seine Fehler selbst verantwortlich”, sagte er über seine Faszination für die Berge.

Auch hatte uns Emilio gut instruiert: “Geht langsam, trinkt viel und versucht, euren eigenen Rhythmus zu finden.” Das klappe dann auch immer besser. Die anfängliche Schnappatmung wich einem tiefen, konzentrierten Luftholen, und man verfiel in einen meditativen Trott – lediglich unterbrochen von kurzen Pausen, um die Aussichten aufzusaugen: oben der eischneeweiße Vulkan-Schönling, unten die grün-braune Schwemmlandebene des Cotopaxi-Nationalparks mit weichen Wolkenbergen am babyblauen Himmel und kargen Bergen auf Erden. Eine Weite mit unzähligen Ebenen, eine Bühne der Natur, auf der sich die Kulissen und Dimensionen mit jeder Serpentine zu verschieben schienen und Kleinbusse zu Matchbox-Autos schrumpften, Menschen zu Ameisen auf zwei Beinen und die Straßen zu dünnen Adern.

Auf den Spuren von Humboldt

In der Liste der höchsten aktiven Vulkane der Welt steht der Cotopaxi auf Platz fünf. Innerhalb Ecuadors wird er nur vom inaktiven, 6.310 Meter hohen Chimborazo überboten, den Humboldt gleichfalls nicht scheute (auch wenn er den Gipfel wegen einer Felsspalte nicht bezwingen konnte). Der Naturforscher muss von Ecuador als Studienobjekt hingerissen gewesen sein, befand er doch, dass es in der Geografie des Landes nur eine Konstante gebe: die Vielfalt. Im vergangenen Jahr zog dieser Reichtum rund 1,1 Millionen ausländische Touristen an, darunter 27.000 aus Deutschland. Bei vielen Besuchern steht auch die Straße der Vulkane auf dem Programm, die über 250 Kilometer ungefähr durch die Landesmitte verläuft.
Humboldt soll sich auf seine Expeditionen in der Hacienda La Cienega vorbereitet haben, einem gediegenen Gästehaus bei Lasso. Es ist jedoch zu bezweifeln, dass er es so komfortabel hatte wie wir im Termas de Papallacta Spa & Resort. Am Abend vor der Wanderung hatten wir uns auf der Anlage, die sich etwas weiter im Nordosten am Fuße des Vulkans Antisana befindet, prächtig entspannen können. Die heißen Thermalquellen beginnen direkt vor der Zimmertür, fast vom Bett aus kann man sich in die 36 Grad warmen Becken gleiten lassen.

Dem mineralhaltigen Wasser werden allerlei positive Effekte nachgesagt, von der Steigerung des Wohlgefühls im Allgemeinen bis zur Linderung von Atembeschweren und Hautproblemen im Speziellen. Das Beste an dem Dampfbad der Natur aber ist: Es hat 24 Stunden geöffnet. Ob morgens vor dem Frühstück oder nachts, wenn einen die dünne Luft und der Jetlag nicht durchschlafen lassen – zu jeder Zeit kann man in die Pools eintauchen und dabei nicht nur die Wärme, sondern manchmal auch ein funkelndes Sternenmeer genießen.

So gestärkt hatte man anderntags das Hotel verlassen, um die Cotopaxi-Exkursion zu wagen. Die signalroten Pillen im Badezimmer – eine Empfehlung des Hauses gegen Höhenkrankheit – hatte man leichtsinnig verschmäht: Die Tour würde sicher auch ohne Doping zu schaffen sein. Sie ist ein klassischer Bestandteil von Hochland-Rundreisen, und deren Teilnehmer können doch unmöglich alle Fitness-Asse sein! Jene Pillensorte aus dem Hotel hatte später auch Emilio aus seinem Survival-Kit gepellt, um unsere Nachhut damit zu päppeln. Der Cotopaxi gilt als leicht zu besteigen, aber nun ja, alles ist relativ. Wir Flachländer können zu unserer Entschuldigung sagen, dass wir nur wenige Tage für die Eingewöhnung hatten.

Vom Berg herunter geht es dann im Sauseschritt, dass der Staub nur so wirbelt. Verleihen die Endorphine Flügel, weil man die Herausforderung gemeistert hat? Oder hat das Gefühl der Schwerelosigkeit etwa mit einer Überdosis Coca-Tee zu tun? Vielleicht sind es aber auch die atemberaubenden Aussichten, die einen so berauschen...

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