Reisebericht Kuba: Musik in Kuba

Reisenotizen: Warum Kuba? - Musik in Kuba


Lange schon stand Kuba auf dem Fernreise-Wunschzettel von Christoph Heise ganz weit oben. Karibik und Sonne, Musik und Lebenslust. Ja, Interesse auch daran, was übrig geblieben ist von dem, was die Revolution vor 60 Jahren in Gang gebracht hatte. Aber den Ausschlag gab der seit 1998 grassierende und anhaltende Buena Vista Social Club-Virus, dem auch er verfallen war und der immer wieder neu aufbrach. Also, Kuba muss sein, dachte er sich und startete seine Reiseplanung...

Herausgekommen ist nach einigen Anläufen, vergeblicher Hinzuziehung eines Görlitzer Reisebüros und vielen Stunden am Internet eine selbstorganisierte Tour im Frühjahr 2018 mit Flug Dresden-Varadero, 7-Tage-Rundreise mit avenTOURa, und noch ein paar Tagen Varadero mit Abstecher nach Havanna.

Fazit vorab: Kuba hat sich gelohnt und die Kleingruppen-Tour „ Cuba Occidental“ mit avenTOURa war genau richtig: eine gelungene Programmmischung von Landschaft, Kultur, Geschichte, Besuch von Projekten, gute und sympathische Reiseleitung, gute lokale Reiseführer, sicherer Busfahrer. Die Quartier-Abwechslung von Hotels und Privatunterkünften war genau richtig, auch die Möglichkeit an zwei Stationen zwei Nächte zu bleiben und auf diese Weise nicht permanent aus- und einpacken zu müssen. Durch die Beschränkung der Reise auf den Westen und die Mitte der Insel gab es keine tagelange Kilometerfresserei und es blieb (fast) immer genug Zeit zum Schauen, Verschnaufen und für individuelle Wünsche. Alles sehr durchdacht und professionell organisiert, die Vorbereitungen und Absprachen mit Freiburg einfach ein Vergnügen: das dortige Team ideenreich, hilfsbereit, superfreundlich und auf den Punkt verlässlich. Das Karten- und Infomaterial hervorragend. Ich finde einfach nichts zu meckern. Höchstens, dass wir nicht früher auf diese Kuba- und Lateinamerika-Spezialisten gestoßen sind, wir hätten sicher unsere ganze Tour mit ihnen organisiert. avenTOURa – muchas gracias!
Nach dieser Laudatio nun noch etwas Prosa über unsere Eindrücke unterwegs:

Foto: C. Heise

Son-Salsa-Rumba-Cha-cha-cha: Musik in Kuba

In dem (wirklich hervorragenden) Dumont-Reise-Handbuch Cuba steht der lapidare Satz: “Musik ist in Cuba ein Grundnahrungsmittel, ein Ventil, ein Konzentrat der Lebensfreude, ohne das auf der Insel absolut nichts funktioniert“. Aber ob das auf den Tourismusrouten noch gelten würde? – Wir waren skeptisch, hatten doch viele andere Reisebücher und enttäuschte AIl-Inclusive-Reisende per Internet den Verlust der Ursprünglichkeit durch Touristen-Kommerz beklagt. Unser Fazit: Wir haben das anders erlebt!

Nach einem 20-Stunden-Reisetag ab Dresden, davon 2 Stunden Abflugverspätung der Maschine von Köln/Bonn nach Varadero (Flughafenprozeduren wider Erwarten zügig, auch die von Dresden durchgecheckten Koffer trudelten schließlich vom Band), wurden wir vom bestellten Fahrer, der gelassen auf die verspäteten Gäste gewartet hatte, freundlich ins Taxi gesetzt und los gings nach Havanna – mit Musik aus seinem Radio – seiner Musik. Holà, wir sind angekommen.
Er eigentlich ein ruhiger, seriöser taxista, der am Lenkrad nicht zum Rhythmus swingt – aber Musik muss sein und die lief auch gedämpft weiter, als er wegen einer Polizeikontrolle halten und aussteigen musste. Im Moment hielten auch wir die Luft an. Die Stimmung und das Auftreten der uniformierten Staatsgewalt war ähnlich wie bei den früheren DDR-Transitfahrten nach Berlin. Sie hatten ihn, wie er dann erklärte, wegen angeblicher Geschwindigkeitsübertretung belangen wollen, obwohl sie über keine Messgeräte verfügen – die seien alle kaputt – und nur nach eigenem Gutdünken befinden. Ich hatte mich schon gewundert, warum der Fahrer sich die ganze schnelle Strecke so streng an das Tempo 60-Schild gehalten hatte. „Sie entscheiden, sie haben den längeren Arm, du hast keine Chance und es kann teuer werden“. Aber dann war auch dieser Schreckmoment vorbei und die Musik lauter gedreht. Nach gut einer weiteren Stunde Nachtstrecke erreichten wir ganz beschwingt Havanna und fuhren durch den Hafentunnel mitten ins Herz der Altstadt zur vorgebuchten Casa Particular, eines jener vielen Privathäuser, die die Genehmigung zur privaten Vermietung bekommen haben.

Auch dort ein freundlicher Empfang, mit Musik im Hintergrund versteht sich, und auch auf der Straße tönte es spät noch aus den offenen Türen und Fenstern hinaus. Leider hatten die Bars gerade dicht gemacht, um 22.30 Uhr ist Schluss. Und Musik hat uns dann - nicht nur aus der Konserve - die gesamte Tour begleitet. Wir mussten gar nicht viel suchen. Immer wieder stößt man an Straßenecken, auf Plätzen, in Kneipen und Bars auf Musiker in kleineren oder größeren Besetzungen. Schon von weitem zu hören, erst der Rhythmus der Congas, Bongos und Schlaghölzer, dann der Sound der scharfen Trompete und dann alle zusammen mit Gitarren, Bass und Gesang, oder wie auch immer die Band gerade zusammengesetzt ist. Die unterschiedlichsten Mischungen sind uns begegnet: zunächst der reichlich betagte Gitarrist, der seinen Kompagnon, einem Mannsbild mit hoher Fistelstimme, zu dessen Sprechgesang begleitete. Frei improvisierte Texte werden gesungen zu dem, was sich gerade um ihn herum abspielte, ganz die Tradition der erzählenden Troubadoure (Troves).

Musikband auf Kuba (Foto: C. Heise)

Gleich gefolgt von einer 7-köpfigen Son- und Salsa-Besetzung, die dann mächtig aufdrehten, auch ohne Verstärker. Das war am ersten Vormittag nach dem Ausflug in die tropische Vegetation beim Öko-Dorfprojekt Las Terrazas. Unter freiem Himmel gab es für Dorfbewohner, Ausflügler und Touristengruppen einen Mittagstisch. Magnet natürlich für Musiker, die sich an solchen Orten ihren Lebensunterhalt verdienen. Was aber der Spielfreude überhaupt keinen Abbruch tut. Und für den genießenden Zuschauer nicht nur ein gutes "feeling" im Moment, sondern auch generell ein gutes Gefühl vermittelt. Mit dem Obolus oder dem Kauf einer überteuerten billig gepressten CD wird einen Beitrag zum Überleben der Musiker und der Musik geleistet. In den Shows der großen Hotels und in den Touristenzentren mag da mehr Routine herrschen, aber sicher bin ich nicht. Und schließlich spielt sich die Musik vor allem auch in den öffentlichen "Casas" in den größeren Orten auf der ganzen Insel ab, den Casas de Cultura, Casas de Musica oder Casas de la Trova.

Unbedingt wollte ich festhalten, was wir alles an Musikgruppen erlebt haben. Das ist nicht zu schaffen. Viel zu viele. Aber ein paar haben uns besonders fasziniert: Die Salsa-Gruppe etwa am ersten Abend in der Casa Culturain Viñales – mitreißend Rhythmus und Sound. Die offene Tanzfläche unter Palmen und Sternenhimmel im Salsa-Fieber – unsereins am Rande staunend, vorsichtig swingend, fast ein bisschen neidisch auf die Tanzszene vor der Bühne schauend.
Ein Eindruck, der sich zwei Tage später in der Casa de la Trova in Trinidad verstärkt noch darbot. Hier spielten ständig wechselnde Bands auf der Bühne eines eher engen Raumes, Tische und Tresen direkt an der Tanzfläche. Je länger der Abend, desto heißer der Sound und spätestens als eine Gruppe von kubanischen Tanzlehrern mit ihren "advanced students" die Tanzfläche eroberte, wurde klar: wo, wenn nicht hier wurde die Salsa geboren und zur höchsten Raffinesse gebracht.

Zuschauen schon ein Privileg. Bloß nicht selbst aufs Parkett – die Kommentare der Profis über hüftschwenkende Touris sind vernichtend. Ein ganz besonderer Ort für ein fast schon intimes Musik- und Tanzerlebnis war ein halbrunder Tunnel aus Ziegelsteinen in der stillgelegten Ziegelstein-Fabrik von Pinar del Rio, die heute ein Kinder- und Kunst-Projekt beherbergt. Nachdem wir dort erst kunstvoll gestaltete Holzmöbel einer Tischlerei bestaunen, dann jungen Künstlern bei der Arbeit an Wand- und Leinwandbildern und der Vorschulgruppe bei ihren Spielen zusehen konnten, auch noch bei der Gymnastikgruppe der Älteren mitmachen mussten, wurden wir nach dem Rundgang zu einem Imbiss in eben diesen Tunnel geladen. Dort spielte eine Vierercombo ganz dezent und doch höchst lebendig im Hintergrund, als wären wir an den Ursprüngen der großen kubanischen Musik gelandet – so sensibel und bewegend habe ich Guantanamera, Quisas oder Commandante Che Guevara noch nie erlebt. „Das sind Musiker aus den Dörfern, die kommen hier zusammen, immer wenn wir sie brauchen“. Ganz selbstverständlich, dass dann Gastgeberinnen und Gäste zu tanzen begannen, erst für sich, dann paar- und grüppchenweise und schließlich im gemeinsamen Rund. Wunderbar!

Tanz im Ziegelstein-Keller (Foto: C. Heise)

Eher verhalten und zart auch die Melodien des Geigers, der uns an einem Seiteneingang des zentralen Hotels in Viñales mit einem Ständchen begrüßte, als wir mit Gepäck beladen auf die Rezeption zu steuerten. Er und sein Gitarrenkompagnon gehörten vom Stil und vom Alter her zur Buena Vista Social Club-Generation. Schade, dass wir ihnen später nicht mehr begegnet sind.

Unvermutet auch eine Begegnung mitten auf dem Bürgersteig der Durchgangsstraße in Varadero: eine Kneipenband, ganz auf mexikanisch gestylt, machte auf dem Weg zur nächsten Station gerade Pause im Schatten der Bäume. Auf ein freundliches „Hola“ setzte der Sänger unvermutet zu einer Ballade an. Seine vier Kumpels formierten sich schnell und stimmten mit Gitarren, Rasseln und Trompete ein: spontan, fröhlich, mit viel Augenzwinkern und nur für uns zwei.
Tags darauf im historischen Zentrum von Havanna wieder eine Trompete, diesmal solo und für meine Reisebegleitung ganz allein: auf Zuruf unseres Begleiters winkte der ganz in weiß gekleidete Trompeter die Erwählte zu sich heran und setzte mit seinem dunkel klingenden Instrument zu einem sentimentalen Guantanamera-Ständchen an. Und auch das klang nicht nach Schablone und Routine. Über die Melodie hinaus fing er an zu improvisieren mit einem sichtbarem Spaß an diesem Spiel, der dann auch auf Passanten übersprang, die stehen blieben, schauten und Beifall klatschten.

Auch im Club 62 in Varadero faszinierte uns der Trompeter am meisten. Wir waren auf der Suche nach einem lockeren Strandcafé an der Spitze der langen Halbinsel nicht fündig geworden, dort, wo die 5-Sterne-Burgen dominieren. Mit dem Steig-ein-steig-aus-Bus wieder zurück, bis an die Stelle, wo wieder normales Leben begann. Zu Fuß und nach Gehör weiter getippelt ließen wir uns vom Rhythmus- und Trompetenklang leiten und landeten in einer nicht gerade gut besetzten Bar an der Hausnummer 62.

Doch trotz des mangelnden Publikums spielte die Band auf, als ginge es um die Son & Salsa-Meisterschaft von Kuba. Unglaublich virtuos Trompete und Saxophon, mitreißende Congas- und Bongos, tolle Sänger im Wechsel, junge Kerle mit einer unglaublichen Ausstrahlung von Spielfreude und Lebenslust. Wer meint, auf Varadero gäbe es nur noch Standard-Salsa für Touristen und Pop-Nostalgie im Club „Beatles“, ist hier nie gewesen.

Und zum Abschluss unserer Kuba Rundreise wieder wie zu Anfang: volles Musikprogramm im Flughafentaxi. Diesmal im offenen Cabrio-Oldtimer, aus der Konserve die Hits laut aufgedreht und verstärkt durch das kräftige und gestikulierende Mitsingen des Taxifahrers, einem lässigen Typ vom Schlage Ledernacken-Cowboy. Gut 30 km bis zum Airport. Am karibischen Strand entlang und durch Palmenpisten, bei kräftigem Fahrtwind und frischer Meeresluft. Mensch, was willst du mehr...

Hier geht's zu Teil 2: Menschen in Kuba

Taxi zum Flughafen (Foto: C. Heise)

avenTOURa ist mit Auszeichnungen und Mitgliedschaften seit mehr als 20 Jahren in der Touristikbranche etabliert.