Schildkröteneier und Plastiksandalen im pazifischen Kreißsaal


Nachdem wir Bismar an dem einsamen Strand zurückgelassen haben (Bitte Link zum Blog Whale Watching in der Wal-Kinderstube am Pazifik einfügen), geben wir uns mit Fidel Castro wieder den Wellen der Revolution hin. Sie führen uns vorbei an der Playa Blanca, die von Touristen aufgrund ihres namensgebenden weißen Strandes bevorzugt wird. Unser Ziel ist aber der nahe Utría Nationalpark.

Der Parque Nacional Natural Utría oder auch Ensenada de Utría gilt als eine der Zonen mit der weltweit größten Biodiversität, und das in einem Land, dass nach Brasilien auf Rang zwei der biologischen Vielfalt steht und für seine Naturschönheiten berühmt ist. Deswegen zücken wir auch sogleich unser eigentlich für das Whale Watching mitgebrachte Fernglas zur Vogelbeobachtung. Mehr als 380 Vogelarten tummeln sich zwischen Mangroven und Urwäldern, die den Strand des Pazifiks mit den bis zu 1.400 Meter hohen Bergen verbinden. Die Ensenada de Utría ist eine U-förmige Meeresbucht mit einer Länge von etwa fünf Kilometern und einer Breite von knapp 400 Metern. Aufgrund ihres warmen Wassers wird sie von den Buckelwalen als ozeanischer Kreißsaal für ihre Wassergeburten bevorzugt. So kann man hier bei geübtem Auge auch desweilen eine Walmutter mit ihrem Kalb vorbeiziehen sehen.

Durch die Gezeiten hat sich ein besonderes Ökosystem etabliert, dass sich je nach Stand des Wassers ändert. Die Mangrovensümpfe werden dabei nicht nur durch Meerwasser beständig geflutet, sondern auch von oben gewässert, bei etwa 300 Regentagen pro Jahr und einem Jahresdurchschnitt von 10.000 Liter Niederschlag pro Quadratmeter. Damit gehört der Chocó zu den regenreichsten Gegenden der Welt. Man sollte sich aber von dem bisschen Wasser nicht abhalten lassen, denn zu sehen gibt es reichlich in der vor Superlativen protzenden und von manchen als Juwel in der Krone der Natur bezeichneten Landschaft.

Lassen wir also möglichst schnell den Eingangsbereich des Parks mit seinem kleinen Museum und trockenen Einführungsvorstellung hinter uns und folgen wir dem 800 Meter langen Holzsteg durch die Mangrovensümpfe. Je nachdem ob man bei Flut oder Ebbe den Park betritt, wird man eine andere Welt bestaunen können. Etwas ganz Besonderes sind auch die vom Park angebotenen Nachtwanderungen für die wenigen Gäste, die sich in den drei Hütten der parkeigenen Ecolodges eingemietet haben. Bei diesen Wanderungen kann man das Schauspiel der Biolumineszenz bewundern, der das Wasser zum Leuchten bringt. (https://www.aventoura.de/blog/kolumbianische-karibik-magisches-plankton-voraus/ ).

Die „strategischen Partner“ der Parkverwaltung sind die Indigenen des Emberá und Kuna-Volkes. Sie bilden mit den afrokolumbianischen Bewohnern, die hervorgegangen sind aus der gewaltsamen Deportation von afrikanischen Sklaven durch die europäischen Eroberer, die einheimische und ursprüngliche Bevölkerung der Region. Ihre traditionelle Lebensform schützt die Natur mehr als es jedes Gesetz tun könnte.

Trotzdem sind auch sie bedroht, vor allem durch die Zerstörung ihres Lebensraumes durch illegale Goldschürfer und Holzfäller. Bei einer Kanutour durch das weitverzweigte Flusssystem wird man mehrfach gerodete Stellen sehen. Oft landet viel von dem geschlagenen Holz durch die Flüsse und Gezeiten als Treibgut an den Stränden und bilden dort natürliche Barrieren. Dies erklärte uns Dario Pinilla. Der Anfang Dreißigjährige hat seinen gutbezahlten Beruf als Leibwächter in Bogotá aufgegeben, um zurück zu seinen Wurzeln zu ziehen. Er betreut nun bei seiner Mutter im Hostel Mamá Orbe die Schildkrötenstation. Auf dieser werden die Eier der Pazifischen Bastardschildkröte bis zum Schlüpfen gehütet. Die dunkelgraufarbigen und handtellergroßen Frischlinge werden dann sobald als möglich am nahen Strand ausgesetzt und wieder ihrem ursprünglichen Lebensraum zurückgegeben.

Dario widmet sich dieser Arbeit, da die Schildkrötenpopulation durch die Vermüllung aber auch durch die am Strand herumstreunenden Hunde stark zurückgegangen ist. Treibgut und Plastikmüll blockieren für die frisch geschlüpften Tiere den Zugang zum Meer. Viele werden aber auch schon vorher und noch im Ei von Hunden gefressen. Dieser Umstand führte dazu, dass sich einige Bewohner zur Rettung der Tiere entschlossen. Des nachts suchen sie an den Stränden nach frisch vergrabenen Schildkröteneiern, graben diese Nester mitsamt der wichtigen Gebärflüssigkeit aus und verbuddeln sie erneut in einem umzäunten Gelände in der Nähe des weitabgelegenen Hostels von Mamá Orbe. Das Hostel profitiert natürlich von den niedlichen Tieren und bietet alle paar Abende das Schauspiel an, wie die kleinen Schildkröten ins Wasser watscheln.

Ähnlich wie Bismar sammelt auch Dario den angeschwemmten Plastikmüll zusammen. Er hat sich aber auf ein besonderes Treibgut spezialisiert. Denn wie in vielen anderen Küstenregionen der Erde ist Plastikmüll ein riesen Problem. Während andere Strände aber vor allem mit Netzen und Resten der Fischereiindustrie zu kämpfen haben, werden im Chocó am häufigsten zwei Gegenstände angeschwemmt: Plastikflaschen und Gummisandalen. Die Gummi-chanclas sammelt Dario zu Haufen ein, nach seinen Angaben allein letztes Jahr 520 Stück auf einem nur zehn Kilometer langen Strandabschnitt. Er stellt sie dann nach Größen geordnet vor seinem Bungalow aus, damit sich seine Nachbarn ein neues Paar aussuchen können. Da merkwürdigerweise immer mehr linke als rechte Sandalen angeschwemmt werden, bleiben die übriggebliebenen als Zierde an den Palisaden der Schildkrötenfarm hängen.

Nachdem wir bei seiner Mutter Orbe den besten Kokosnussreis der Gegend mit einem frischen Thunfisch probiert haben, fahren wir mit Dario auf seinem Motorrad den Strand zurück nach El Valle. An der Hängebrücke die hinüber ins Dorf führt, verabschieden wir uns von ihm. Während er diese Nacht erneut Schildkröteneier und Gummisandeln einsammeln wird, schlendern wir weiter und pfeifen Volver, Zurückkehren, den Titelsong des gleichnamigen Almodóvar-Klassikers und Tangohit von Gardel, dessen Tanzschritte uns in Medellín wieder verfolgen werden.

  • Unser Blogger in Kolumbien

    Stephan Kroener hat einen Großteil der letzten Jahre in Kolumbien verbracht. Seit 2018 unterstützt er avenTOURa mit Erlebnisberichten zu seinem Lieblingsland.

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