Tango tanzend zur Walmusik


Musik schrillt noch in meinen Ohren, als ich mich nach einer langen Nacht zum Flughafen in Medellín fahren lassen. Ich kann nicht tanzen und eigentlich suche ich Ruhe am Stillen Ozean. Doch die Reise soll mit Musik beginnen und uns rhythmisch auf unserem Weg in die Echokammer des Pazifiks begleiten.

Die gelben Taxen düsen an uns vorbei, während wir gemächlich im Uber chauffiert werden. Noch liegt dieser private Fahrdienst im legalen kolumbianischen Graubereich und die, die sich wohl als Einzige darüber aufregen, sind die Taxifahrer selbst. Leider gehört aber Höflichkeit mit den Fahrgästen und Sicherheit im Straßenverkehr nicht zu den Attributen eines kolumbianischen taxistas. So muss ich im dunklen Mittelklassewagen auch nicht wie sonst Musik hören und kann mich gedämpft der nun folgenden Stille hingeben. Bevor man jedoch nach dem urbanen Straßengewitter an den Strand des Pazifiks gespült wird, steigt man am innerstädtischen Flughafen „Olaya Herrera“ (EOH) um. Früher wurde dieser älteste, noch im Betrieb befindliche Verkehrsflughafen des Landes auch als „Campo de Aviación Las Playas“ bezeichnet, was so viel heißt wie „Flugfeld Die Strände“. Doch ans Meer flogen von hier in den Anfangsjahren die wenigsten, es ging vor allem um eine schnellere Anbindung an die Hauptstadt Bogotá und um die Versorgung abgelegener Orte in den gerade erst kolonisierten Gebieten des weit in die fünfziger Jahre noch relativ dünn besiedelten Landes.

Foto: Stephan Kroener

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Olaya Herrera ist also sowas wie der Tempelhof Kolumbiens und der einzige Flughafen in der Liste der Nationalen Denkmäler Kolumbiens. Doch er ist nicht nur Teil der nationalen Luftfahrtgeschichte sondern auch Teil der globalen Musikgeschichte. Bevor wir uns nun aber in die Lüfte erheben, lassen wir uns noch mal beschallen von einer historischen Melange, die den argentinischen Tango virtuos mit Medellín verbindet. Am 24. Juni 1935 kam es auf dem Flugfeld von Olaya Herrera zu einem tragischen Unfall. Kurz nach dem Start einer dreimotorigen F-31 der Fluggesellschaft Saco wurde die Maschine durch heftige Winde wieder zu Boden gerissen und kollidierte mit einer auf die Starterlaubnis wartenden Maschine der deutsch-kolumbianischen SCADTA (später Avianca). Nur drei Personen konnten noch lebend aus den Trümmern geborgen werden, 17 weitere starben. Unter den Opfern war auch der argentinische Tangosänger Carlos Gardel und der Großteil seiner Band. Zusammen waren sie im Rahmen einer bejubelten Südamerika-Tour an Bord der F-31 auf dem Weg nach Cali. Gardel wird von vielen als der größte Tangosänger aller Zeiten glorifiziert. Weltweit, aber vor allem in seiner Wahlheimat Argentinien ist er unvergessen und noch heute hört man rund um den La Plata den Ausspruch "er ist ein Gardel" was so viel bedeutet wie „unvergleichlich“.

Doch obwohl Gardels Leichnam Jahre später in Buenos Aires bestattet wurde, ist durch seinen tragischen Tod ein Schatten seines Ruhmes auch in Medellín geblieben. Die Gardelmanía, eine frühe lateinamerikanische Variante der Presleymania oder Beatlemania, wird in der Stadt gepflegt als ob die Tango-Modewellen der 1920 Jahre nie vergangen wären. Der Tango war zwar in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Argentinien aus einer Mischung unterschiedlicher europäischer, lateinamerikanischer und afrikanischer Rhythmen entstanden, wurde aber seit den 20er Jahren und vor allem in der goldenen Tangozeit der 40er Jahre in alle Welt exportiert.
Gardels Tod machte ihn unsterblich. Obwohl die Unfallursache durch eine Kommission schnell auf ungünstige Winde zurückgeführt wurde, glaubten viele seiner Fans, dass der Sänger lebend aber entstellt aus dem Flugzeug gerettet wurde. Um sein von Narben verunziertes Gesicht zu verdecken, so die Legende, sang er über Jahre mit einer Maske in Bars und Kneipen weiter.
In der Wartehalle am Unglücksflughafen, befinden sich heute mehrere große Gedenkplaketten.

Foto: Stephan Kroener

Vor einem großen Plakat mit dem Abbild Gardels, kann man in Ruhe und vor Abflug seine Tangoschritte üben, die der Leichtigkeit halber auf den Boden aufgemalt wurden. Außerdem feiert die Stadt Medellín jedes Jahr ein Tangofestival zu Ehren des verunglückten Musikers, der in seinen Liedern immer wieder die kleinen aber existentiellen Dramen des Lebens besungen hatte. Olaya Herrera blieb weitere 50 Jahre der wichtigste Flughafen der Region, bis er 1985 durch den größeren, rund 50 Kilometer außerhalb der Stadt im Regierungsbezirk Rionegro gelegenen Flughafen José María Córdova (MED) abgelöst wurde, der seitdem auch internationale Ziele anfliegt. Seit den 1980 Jahren kam es zu keinem tödlichen Verkehrsunfall mehr auf dem ehemaligen Flugfeld „Las Playas“. Heute bedient Olaya Herrera nur noch nationale Ziele und verbindet die Küste mit Medellín und so wie der Tango unterschiedliche Rhythmen.

Foto: Stephan Kroener

Deswegen starten wir von hier, denn unser Ziel bleibt die Pazifikküste und die Suche nach der Stille. Um uns von der Musik wieder zu lösen, geben wir uns dem Summen der Motoren hin. Eine zweimotorige Turboprop-Maschine der staatlichen Fluggesellschaft Satena hebt uns aus den rotbraunen Backsteinen Medellíns heraus und über dichten Urwald hinweg. Es ist diese grüne Grenze, die die Strände im Departamento Chocó so unvergleichbar machen. Denn es gibt keine Straßen zu unserem Ziel Bahía Solano, alles muss per Flugzeug oder Schiff transportiert werden und Flugscham bleibt ein schwedisches Fremdwort in dieser abgelegenen Region. Vor Jahren fuhr ich einmal mit einem Schiff von Buenaventura die Strecke nach Bahía Solano. Knapp 30 Stunden in einem Kutter, eingepfercht mit 18 anderen in einer Schlafkajüte mit Kojen an den Bordwänden und nur zwei kleinen Bullaugen. Die Seekrankheit und das magere Essen werden aber mit einer faszinierenden Landschaft belohnt, die man sich auf der Fahrt in einem gemächlichen Tempo ansehen kann. Von den Gesängen der Wale, die einen nach Bahia Solano begleiten, hört man natürlich nichts. Es ist wie in einem geschlossenen Uber-Taxi, nur das uns am Ende der Reise kein toter Tangotänzer an der Hafenmole erwartet.

  • Unser Blogger in Kolumbien

    Stephan Kroener hat einen Großteil der letzten Jahre in Kolumbien verbracht. Seit 2018 unterstützt er avenTOURa mit Erlebnisberichten zu seinem Lieblingsland.

avenTOURa ist mit Auszeichnungen und Mitgliedschaften seit nahezu 25 Jahren in der Touristikbranche etabliert.