Whale Watching in der Wal-Kinderstube am Pazifik


Für viele steht der Wunsch, einmal einen Wal zu erblicken, ganz oben in der Bucket-Liste des Lebens. Am kolumbianischen Pazifik kann man schon von weitem die Fontänen und mit Fernglas auch manchmal die grauen Rücken der ballenas, der Wale erkennen. Selten wird man jedoch einen wirklichen Sprung eines Wals aus nächster Nähe sehen und vielleicht ist das auch gut so, denn die bis zu 30-Tonnen schweren Tiere können auch leicht ganze Boote versenken. Moby Dick lässt grüßen.

Nach einer Studie der Meeresbiologin Ailbhe Kavanagh von der Universität Queensland in Australien springen Wale, um sich mit weiter entfernten Artgenossen zu verständigen und zu orientieren. Dies tun sie öfter, wenn es unter Wasser zu laut für ihre Walgesänge ist, oder auch an windigen Tagen bei aufgewühlten Meer. Auch das Schlagen mit der Schwanzflosse soll, so die Forscherin, ein Kommunikationssignal sein. Man kann dementsprechend zwischen „Nah- und Ferngesprächen“ unterscheiden.

Wal bei El Valle_Stephan Kroener
Wal gesichtet_Stephan Kroener

Es sind also keine aggressiven Verhaltensweisen oder gar Angriffslust á la Herman Melville. Die Tiere sind äußerst friedvoll, allerdings können die Küstenbewohner auch von Unfällen berichten, bei dem ein Wal versehentlich ein Boot kentern ließ oder gar versenkt hat. Das Problem dabei sind nicht die Wale, sondern das Eindringen der Menschen in den Lebensraum der Tiere. Die Wale, vor allem Buckelwale (spanisch yubartas oder jorobadas genannt) ziehen zwischen Juni und Juli die Küste aus den kalten Wassern der Antarktis 8.000 Kilometer den Humboldtstrom hinauf in wärmere Gewässer bis in den kolumbianischen Chocó. Sie tun dies, um hier ihre Jungen zu bekommen, zu kalben. Ab September bis November, dem Beginn des Polarsommers treten sie dann wieder gestärkt ihre Reise Richtung Süden an. Der kolumbianische Pazifik ist somit die Kinderstube dieser bis zu 18 Meter lang werdenden Meeresdickhäuter.

Gerade deswegen sollte man sie eigentlich nicht stören. Ein französischer Tourist, der eine der vielen angebotenen Whale-Watching-Touren in Bahía Solano mitgemacht hatte, erzählte mir, dass es dabei wie auf einer Jagd zuginge: „Mit Motorbooten sind wir den Walen hinterher, immer drauf los mit einer Wahnsinnsgeschwindigkeit“. Es ist wie ein Wettkampf unter den einheimischen Bootsführern, die ohne eine weitere Ausbildung von Fischern zu Walbeobachtern wurden. Man versucht sich gegenseitig auszustechen, um derjenige zu sein, der die Touristen so nah wie nur möglich an den Wal heranbringt. Bis auf drei Meter nähern sie sich den riesigen Meeressäugern, teilweise mehrere Boote gleichzeitig und das von morgens bis abends, solange die Touren nachgefragt werden.

Es gibt keine internationale Norm, wie nah sich ein Boot einem Wal nähern darf, aber es gibt einige Regeln, die auch nach kolumbianischem Recht einzuhalten sind: Walherden dürfen nicht durchfahren werden, Einzeltiere dürfen nicht umkreist oder von der Herde getrennt werden, je nach Größe des Bootes und der Motorengeräusche muss ein Mindestabstand von 200 bis 300 Meter eingehalten werden. Die Geschwindigkeit und Fahrtrichtung darf bei Sichtung nach Möglichkeit nicht abrupt verändert und Lärm über- und unterhalb des Wassers sollte vermieden werden. Denn, wie beschrieben, behindern Geräusche die Kommunikation und Orientierung der Wale. Im Großen und Ganzen geht es darum, die Tiere nicht zu stören und sie sich selbst entscheiden zu lassen, ob sie sich dem Menschen nähern oder nicht, was natürlich Geduld und Zeit bedeutet. Ach so, man darf sie nicht füttern und ein Schwimmer sollte mindestens 30 Meter Abstand halten.

Einer der gegen diese Regeln revoltiert ist Fidel Castro selbst. Bartlos aber mit weißem, kurzem Haar fährt er Tag ein Tag aus mit seinem jüngeren Bruder Raul hinaus aufs Meer. Nein, nicht mit der alten Granma-Yacht, die weiterhin im Revolutionsmuseum von Havanna von Touristen bestaunt wird, sondern mit einer namenlosen lancha, einem Schnellboot. Der Vater der beiden chocoanos war ein Verehrer der Kubanischen Revolution und hat seine Kinder nach den Castro Brüdern benannt. „Eine Entfernung von 200 Metern ist Unsinn, da kann man ja auch gleich am Strand bleiben und wir wollen den Touristen ja auch was bieten“. Castro ist sich der Störung der Tiere bewusst, allerdings muss auch er die Nachfrage bedienen und als stolzer „Kapitän“ und Besitzer einer lancha muss er auf seinen Ruf achten, je näher er an die Wale rankommt desto besser.

Es ist ein Kampf ums Geschäft, der draußen auf dem Meer tobt. Eine Safari ohne Gewehr. Auch wenn Walfleisch bei den Kolumbianern nie als Delikatesse galt wie in Asien, so kam es doch vor, dass gestrandete, noch lebende Wale getötet und an japanische Walfänger verkauft wurden. Weltweit wird Whale Watching deswegen auch immer beliebter, rund 13 Millionen Menschen zahlen jährlich zusammen über zwei Milliarden Euro, um sich einmal im Leben den Traum einen Wal in freier Wildbahn zu sehen, erfüllen zu dürfen. In der Hinsicht ist das Whale Watching dem Walfang natürlich vorzuziehen. Trotzdem ist diese Art des „Jagens“ ebenso wenig nachhaltig, denn der Stress und Lärm dem die Tiere ausgesetzt sind, kann zu Verhaltensänderungen, weniger Nachwuchs und sogar Abwanderung führen. Leider stört dies bisher nur wenige an der weit entfernten chocoanischen Pazifikküste. Die kolumbianische Marine hat andere Probleme.

Es gibt allerdings auch Menschen die sich dem Erhalt der Natur und einem Nachhaltigen Tourismus verschrieben haben und hier kommt der deutsche Reichskanzler Bismarck ins Spiel. Wir trafen ihn nach einer Schnorchel-Tour an dem versteckten Strandabschnitt Cocalito, an dem uns kurz zuvor Fidel Castro abgesetzt hatte. Bismar López Pinilla, weiß nicht ob sein Vater ein Verehrer des alten Preußen war, trotzdem nahm er sich in deutscher Kolonialtradition sein Plätzchen an der Sonne, um mit einer Gruppe von Touristen zu picknicken.

Nicht nur, dass sie kein Plastikgeschirr und Metalldosen verteilten, nein, nach dem Essen liefen sie den Strand ab und sammelten zwei große Tüten Plastikmüll ein. „Ich hasse das Plastik, aber es gehört leider zu unser Kultur“, seufzt der 35 jährige, waschechte chocoano. Er ist ein Beispiel dafür, dass ein Nachhaltiger Tourismus und Sanftes Whale Watching möglich ist. Touristen sollten diesen aber auch von ihrem Veranstalter und vor Ort einfordern. Damit der Anblick dieser riesen Tiere auch für spätere Generationen ein Erlebnis und nicht ein unerfüllter Punkt in der Bucket-Liste des Lebens bleibt.

  • Unser Blogger in Kolumbien

    Stephan Kroener hat einen Großteil der letzten Jahre in Kolumbien verbracht. Seit 2018 unterstützt er avenTOURa mit Erlebnisberichten zu seinem Lieblingsland.

avenTOURa ist mit Auszeichnungen und Mitgliedschaften seit nahezu 25 Jahren in der Touristikbranche etabliert.