{"id":448,"date":"2022-08-08T17:03:23","date_gmt":"2022-08-08T15:03:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.aventoura.tourone.de\/blog\/?p=448"},"modified":"2022-08-08T17:03:23","modified_gmt":"2022-08-08T15:03:23","slug":"teusaquillo-der-prenzlauer-berg-von-bogota","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/2022\/08\/08\/teusaquillo-der-prenzlauer-berg-von-bogota\/","title":{"rendered":"Teusaquillo &#8211; Der Prenzlauer Berg von Bogot\u00e1"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>von Stephan Kroener<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Touristenstr\u00f6me haben die Angewohnheit meist geradlinig von einem Punkt zum anderen zu laufen und dort tumbe Lachen zu bilden. So ist das auch in Bogot\u00e1. Doch viele lassen bei diesem Kurzbesuch interessante Viertel sprichw\u00f6rtlich links liegen. Denn Bogot\u00e1 ist mehr als h\u00fcbsch angemalte Kolonialh\u00e4uschen. Die Stadt bietet abseits von den Touristenstr\u00f6men eine Vielfalt, die es mit Berlin oder Barcelona aufnehmen kann&#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"651\" height=\"430\" src=\"https:\/\/www.aventoura.tourone.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-49.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-449\" srcset=\"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-49.png 651w, https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-49-300x198.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 651px) 100vw, 651px\" \/><figcaption>Touristen in der Candelaria (Foto:Stephan Kroener)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Touristenstr\u00f6me haben die Angewohnheit meist geradlinig von einem Punkt zum anderen zu laufen und dort tumbe Lachen zu bilden. So ist das auch in&nbsp;<em>Bogot\u00e1<\/em>, der Hauptstadt von&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.aventoura.de\/kolumbien\/\">Kolumbien<\/a>. Vom Flughafen flie\u00dft ein stetiger Fluss an Touristen in gro\u00dfen und kleineren Tropfen Richtung Zentrum, f\u00fcllt sich mit den Low-Budget-Backpackern vom Busbahnhof und ergie\u00dft sich schlie\u00dflich in die&nbsp;<em>La Candelaria<\/em>. Dort in der Altstadt steht ein Hostel neben dem anderen und die Bars sind auf ausl\u00e4ndische G\u00e4ste zugeschnitten. Der Tourismus hat die Gentrifizierung angeheizt und leidet nun selbst an den Folgen. Es fehlt an Authentizit\u00e4t und der gew\u00fcnschten&nbsp;<em>Local Experience<\/em>. Nach zwei, drei Tagen hat man alle wichtigen Pl\u00e4tze gesehen und Touren mitgemacht, und so zieht der Strom dieses Mal in entgegengesetzter Richtung zu Flugzeug und Nachtbus.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch viele lassen bei diesem Kurzbesuch interessante Viertel sprichw\u00f6rtlich links liegen. Denn Bogot\u00e1 ist mehr als h\u00fcbsch angemalte Kolonialh\u00e4uschen. Die Stadt bietet abseits von den Touristenstr\u00f6men eine Vielfalt, die es mit Berlin oder Barcelona aufnehmen kann. Und so wie das ganze Land sich gerade dem Tourismus \u00f6ffnet, so zeigen sich auch andere Stadtteile in neuem, charmantem Glanz.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Teusaquillo und das Serie 1948<\/h3>\n\n\n\n<p>Eines dieser Viertel ist Teusaquillo. Der Name ist indianischem Ursprung, wurde aber erst sp\u00e4ter in Reminiszenz auf das indigene Erbe auf dieses Gebiet angewandt. In den 1920 Jahren wurde es dann urbanisiert und an den Rest Bogot\u00e1s angebunden. Das Stadtbild ist stark europ\u00e4isch gepr\u00e4gt und geh\u00f6rt heute zu den traditionellsten Teilen der kolumbianischen Hauptstadt. Zu seiner Hochzeit in den 30-50er Jahren galt es als das eleganteste und modernste Wohnviertel. Hier residierte die hauptst\u00e4dtische Elite und noch viele ihrer urbanen Pal\u00e4ste sind erhalten. Die Anbindung ans Zentrum durch eine Stra\u00dfenbahn und der Bau von Wohnh\u00e4usern mit mehr als zwei Stockwerken, galten als besonders fortschrittlich.<br>Heute f\u00e4hrt zwar keine Tram mehr, daf\u00fcr kann man leicht zu Fu\u00df in einer guten halbe Stunde vom Zentrum bis zu den meist im viktorianischen Stil gebauten Stadtvillen laufen. Noch gibt es nicht viele touristische Angebote, aber nach und nach \u00f6ffnen sich die Tore der riesigen Eingangsportale und man erh\u00e4lt Einblick in eine vergangene Zeit. Eines dieser Tore lie\u00df uns an einem Samstagabend herein in das&nbsp;<em>Serie 1948<\/em>&nbsp;auf der Carrera 24 mit 33a.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"647\" height=\"414\" src=\"https:\/\/www.aventoura.tourone.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-50.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-450\" srcset=\"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-50.png 647w, https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-50-300x192.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 647px) 100vw, 647px\" \/><figcaption>Catalina vor ihrem Serie 1948 (foto: ruedabogota)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Catalina und ihr Freund Camilo betreiben dieses gem\u00fctliche&nbsp;<em>Bed and Breakfast<\/em>&nbsp;im Herzen einer verlorenen Welt und erhalten damit seinen ehemaligen Glanz. Mit viel Geduld und Detailtreue haben sie aus dem 1948 gebauten einstmaligen Familiensitz ein sogenanntes&nbsp;<em>co-living<\/em>-Projekt gemacht. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Wohngemeinschaft, Airbnb und Hostel. \u201eDie H\u00e4user sind riesig und viele stehen leer, weil es sich niemand mehr leisten kann, so etwas zu bewohnen\u201c, erkl\u00e4rt Camilo, der in jahrelanger Handarbeit das Haus minuti\u00f6s umgestaltet hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden wohnen in ihrem eigenen Hotel. Die einzelnen R\u00e4ume und\u00a0<em>Apartaestudios<\/em>\u00a0(Einzimmerwohnungen) haben sie je nach seiner Eigenart nach internationalen Metropolen benannt. Ein bisschen wie in dem Netflix Klassiker\u00a0<em>Casa de Papel<\/em>\u00a0steht man pl\u00f6tzlich in Tokio oder Paris und betritt so eine eigene Welt im Kosmos einer vergangenen, eine architektonische Matroschka oder urbane Spiegelung (Im Fachjargon\u00a0<em>Mise en Abyme<\/em>\u00a0genannt).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Wohnzimmer findet sich noch ein Foto der einstigen Bewohner. Eine immense Gro\u00dffamilie ist darauf zu sehen, in schicker Mode der vierziger Jahre. Eigentlich m\u00fcsste das gerahmte Bild auf dem Kamin stehen, aber dessen Holzt\u00e4felung ist bei der ersten Feuerung abgeplatzt, weil er keine D\u00e4mmung besa\u00df: \u201eEs ist etwas sehr typisch bogotanisches, dass man einen Kamin hat und ihn nicht nutzt\u201c, lacht Camilo. Aber der Kamin ist Teil des Ambientes, das etwas von Designmuseum und Kinderspielzimmer hat. Camilo restauriert und sammelt alles was ihm aus dem letzten Jahrhundert in die H\u00e4nde kommt. Dutzende Plattenspieler und auch zwei alte Laptops h\u00e4ngen und stehen and den W\u00e4nden. Es sind diese Details die den Charme des Hauses und des Viertels ausmachen. Es f\u00fchlt sich an, als ob die kinderreiche Vorbesitzerfamilie noch hier wohnen w\u00fcrde, und man bei ihnen zu Besuch w\u00e4re und nicht bei den jetzigen Bewohnern.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"329\" src=\"https:\/\/www.aventoura.tourone.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-51-1024x329.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-451\" srcset=\"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-51-1024x329.png 1024w, https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-51-300x96.png 300w, https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-51-768x247.png 768w, https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-51.png 1345w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Ein Koffer der Besitzer oder eines Gastes (Foto: ruadabogota)    Der umfunktionierte Patio (Foto: ruedabogota)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Local Experience<\/h3>\n\n\n\n<p>Heutzutage ist dieser Retroschick wieder Mode. Das zeigen auch die Besucher, die sich nach und nach bei Camilo und Catalina einfinden, um an der Salsa-Klasse mit anschlie\u00dfender&nbsp;<em>Local Experience&nbsp;<\/em>teilzuhaben. Als ich Catalina frage, was das f\u00fcr eine Tour sei, berichtigt sie mich sofort im perfekten Englisch, \u201eEs ist keine Tour im eigentliche Sinne, sondern eine nachbarschaftliche Erfahrung\u201c. Ich sollte an diesem Abend noch einen weiteren Anglizismus lernen:&nbsp;<em>remote job<\/em>. Catalina hatte mich eingeladen, um an ihrer \u201enachbarschaftlichen Erfahrung\u201c teilzunehmen und so stellte ich mich im Kreis auf mit vier Kolumbianern und drei anderen&nbsp;<em>Gringos<\/em>, den&nbsp;<em>remote jobbern<\/em>. Diese reisen zusammen durch die Welt, besuchen jeden Monat ein anderes Land, lernen Sprachen oder eben tanzen, arbeiten dabei aber als digitale Nomaden weiterhin in ihren angestammten Berufen. Obwohl ich nun schon viele Jahre in Kolumbien lebe, musste ich eingestehen, dass ich keine drei Schrittfolgen behalten konnte. Meine professionelle Lehrerin Lorena hatte jedoch kein Erbarmen mit mir und schubste mich \u00fcber die Tanzfl\u00e4che, die eigentlich der ehemalige und heute \u00fcberdachte Patio des altehrw\u00fcrdigen Gem\u00e4uers ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Haus ist die eigentliche Attraktion des f\u00fcr mich noch verschwommenen Konstruktes der&nbsp;<em>Local Experience<\/em>. Gebaut wurde es 1948, also in dem Jahr, als das Zentrum Bogotas durch den&nbsp;<em>Bogotazo<\/em>-Aufstand nach der Ermordung des popul\u00e4ren sozialen F\u00fchrers Jorge Eliecer Gait\u00e1ns teilweise zerst\u00f6rt worden war. Gait\u00e1ns ehemaliges Wohnhaus steht nicht weit entfernt und ist ein heutiges Museum, in dem kostenlose F\u00fchrungen durch Studenten der&nbsp;<em>Universidad Nacional<\/em>&nbsp;angeboten werden. Viele&nbsp;<em>rolos&nbsp;<\/em>\u2013 wie die Bogotaner auch genannt werden \u2013 zogen nach dem&nbsp;<em>Bogotazo<\/em>&nbsp;in die Vorst\u00e4dte und damit nach Teusaquillo. Das kolumbianische Schicksalsjahr 1948 steht deshalb auch im Namen des kleinen Hotels von Camilo y Catalina.<br>Catalina brachte uns nach getaner (Tanz-)Arbeit einen Aguardiente, einen klaren Anisschnaps, und damit ein wenig Entspannung. Eigentlich sollten wir uns danach ein Fahrrad w\u00e4hlen, doch entschieden wir uns schlie\u00dflich zu Fu\u00df die Nachbarschaft zu erkunden. Ringsherum um das&nbsp;<em>1948&nbsp;<\/em>gibt es weitere architektonische Juwelen in neokolonialem, franz\u00f6sischem und englischem Stil. Aber auch orientalische Einfl\u00fcsse sind zu erkennen. Diese beruhen auf dem Zuzug von syrisch-libanesischen und j\u00fcdischen Immigranten, die sich mit der europ\u00e4ischen Architektur und den lateinamerikanischen Nachbarn mischten. Auch die erste Synagoge der Stadt wurde in Teusaquillo gebaut.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"655\" height=\"436\" src=\"https:\/\/www.aventoura.tourone.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-52.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-452\" srcset=\"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-52.png 655w, https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-52-300x200.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 655px) 100vw, 655px\" \/><figcaption>El Park Way (Foto: ruedabogota)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Teusaquillo ist vor allem bei NGOs, Ausl\u00e4ndern und aus irgendeinem Ausland zur\u00fcckgekehrten Kolumbianern beliebt. Das verleiht dem Stadtteil eine historische und moderne Multikulturalit\u00e4t. Auf dem&nbsp;<em>Park Way<\/em>, der gerne auch als erster Boulevard Bogotas bezeichnet wird, schlenderten wir zwischen zwanzig Meter hohen B\u00e4umen durch die Millionenstadt. Der Park ist ein langgezogener \u201eGr\u00fcnstreifen\u201c zwischen zwei breiten Stra\u00dfen. Er basiert auf der Planung des \u00f6sterreichischen Stadtentwicklers Karl Brunner, der in den vierziger Jahren ein Anh\u00e4nger der architektonischen Bewegung&nbsp;<em>beautiful city<\/em>&nbsp;und des Konzeptes der&nbsp;<em>garden city<\/em>&nbsp;war.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Brunner kamen wir nach&nbsp;<em>Bukowski<\/em>. Eine Szene-Bar, in der man auch mal den Oberb\u00fcrgermeister Enrique Pe\u00f1alosa treffen kann, auch wenn es eher privat zugeht. Teusaquillo hat sich sicherlich gemacht, es ist ein bisschen wie der Prenzlauer Berg in Berlin, die b\u00fcrgerliche Elite ist ausgezogen und ihren Platz haben Kreative \u00fcbernommen. Hier mischt sich eine hippe Szene mit einem traditionellen Stadtbild, das sich jeder Tourist nicht nur auf seinem R\u00fcckweg zum Flugzeug und Bus ansehen sollte.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Unser Blogger in Kolumbien<\/h4>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignleft size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"175\" height=\"163\" src=\"https:\/\/www.aventoura.tourone.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-53.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-453\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n<p><strong>Stephan Kroener <\/strong>hat einen Gro\u00dfteil der letzten Jahre in Kolumbien verbracht. Seit 2018 unterst\u00fctzt er avenTOURa mit Erlebnisberichten zu seinem Lieblingsland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Touristenstr\u00f6me haben die Angewohnheit meist geradlinig von einem Punkt zum anderen zu laufen und dort tumbe Lachen zu bilden. So ist das auch in Bogot\u00e1. 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