{"id":814,"date":"2022-08-15T15:14:35","date_gmt":"2022-08-15T13:14:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.aventoura.tourone.de\/blog\/?p=814"},"modified":"2022-08-15T15:14:35","modified_gmt":"2022-08-15T13:14:35","slug":"am-ende-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/2022\/08\/15\/am-ende-der-welt\/","title":{"rendered":"Am Ende der Welt"},"content":{"rendered":"\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u00a0von\u00a0Peter Gebhard<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Zu uns in den <a href=\"https:\/\/www.aventoura.tourone.de\/amerika\/chile\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/www.aventoura.tourone.de\/amerika\/chile\">chilenischen<\/a> Dschungel am R\u00edo Bravo kommen inzwischen auch Touristen, es weht ein frischer Wind. Jeder m\u00f6chte unser kleines Venedig sehen! Es ist ein besonderer Ort. Hier f\u00fchle ich die Natur, hier bin ich mit der Erde verbunden und unabh\u00e4ngig&#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die schlagloch\u00fcbers\u00e4te Schotterpiste der Carretera Austral windet sich durch die d\u00fcstere Landschaft, die nach w\u00fcrzig-modrigem Holz riecht. Zu beiden Seiten der kurvigen Piste zieht sich ein regendurchtr\u00e4nkter, dicht bew\u00f6deter Sumpfteppich die H\u00e4nge hoch. Zwischen wabernden Wolken schimmern gigantische Felskolosse hindurch, auf denen t\u00fcrkisfarbene Eiskappen thronen. \u00dcberall sucht sich das Wasser seinen Lauf, schie\u00dft Abgr\u00fcnde hinunter, sch\u00e4umt \u00fcber Ger\u00f6llfelder, gluckert durch Hochmoore.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten am Meer kamen auch die Stra\u00dfenbaupioniere der chilenischen Armee nicht weiter, denn die Granitw\u00e4nde fallen senkrecht in den Ozean ab. Eine F\u00e4hre \u00fcberwindet den lang gestreckten Fjord, bevor sich die Carretera Austral noch 100 Kilometer weiter bis zu ihrem vorl\u00e4ufigen Endpunkt, dem Dorf Villa O&#8217;Higgins schl\u00e4ngelt. Bei meiner Ankunft am Kai tuckert die F\u00e4hre bereits aus der gesch\u00fctzten Bucht hreaus ans andere Ufer. Man hatte am Tag zuvor auf den Winterfahrplan umgestellt, aber nur hier am Anleger gibt es eine karge Information zur vorverlegten Abfahrt. Die n\u00e4chste F\u00e4hre soll erst am n\u00e4chsten Vormittag verkehren. Was tun im Dauerregen? Kein Dorf in der N\u00e4he, keine Unterkunft, nichts au\u00dfer dem Milit\u00e4rau\u00dfenposten <strong>Purto Yungay<\/strong>.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"520\" height=\"348\" src=\"https:\/\/www.aventoura.tourone.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-183.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-815\" srcset=\"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-183.png 520w, https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-183-300x201.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px\" \/><figcaption>Peter Gebhard<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Jeden Morgen Flagge hissen<\/h3>\n\n\n\n<p>Zwanzig Jahre zuvor stand hier noch ein gro\u00dfes Camp der Stra\u00dfenbauingenieure, heute wachen drei pausb\u00e4ckige Soldaten \u00fcber die Baracken. Es gibt nicht viel mehr zu tun als morgens die Flagge zu hissen und abends den Generator anzuwerfen. Unverhofft bringe ich Abwechslung in ihren monotonen Alltag und werde fast wie eine ausl\u00e4ndische Staatsdelegation hofiert. Der Trommelwirbel stammt jedoch vom Dauerregen, der seit Tagen unabl\u00e4ssig auf dieses St\u00fcck Erde herunterprasselt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen sch\u00fcttet es nicht mehr aus K\u00fcbeln, stattdessen ein sanftes, best\u00e4ndiges Nieseln aus einer konturlosen grauen Wolkenmasse. Unten an der Kaimauer warten zwischen Pf\u00fctzen noch zwei weitere Jeeps und ein halbes Dutzend Passagiere auf das F\u00e4hrschiff. Auf der halbst\u00fcndigen \u00dcberfahrt komme ich mit Silvia ins Gespr\u00e4ch. Die h\u00fcbsche Chilenin reist mit dem Rucksack und will ihre Tante am Rio Bravo besuchen. Ich nehme sie ein St\u00fcck mit und erfahre so mehr \u00fcber ihr wechselvolles Leben, ihre Kindheit und Jugend in Tortel, einem bis vor kurzem isolierten Holzf\u00e4llernest an der sumpfigen M\u00fc\u00dfndung des Rio Baker. Keine Stra\u00dfe f\u00fchrte dorthin, 300 Regentage im Jahr, alles steht im Ort auf h\u00f6lzernen Pf\u00e4hlen und Planken.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"515\" height=\"349\" src=\"https:\/\/www.aventoura.tourone.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-184.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-816\" srcset=\"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-184.png 515w, https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-184-300x203.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 515px) 100vw, 515px\" \/><figcaption>Foto: Peter Gebhard<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Silvia fl\u00fcchtete mit 16 Jahren aus der Enge und Abgeschiedenheit von Tortel \u2013 erst nach <strong>Punta Arenas<\/strong> und sp\u00e4ter nach Santiago. Sie begann Jura und Informatik zu studieren, doch das Geld f\u00fcr den Abschluss fehlte: tags\u00fcber versorgte sie als allein erziehende Mutter ihre beiden T\u00f6chter und jobbte nebenher, nachts paukte sie f\u00fcr die Uni \u2013 zuviel selbst f\u00fcr sie. Nach einem Jahrzehnt in der Glitzerwelt der Gro\u00dfstadt sp\u00fcrte die Frau, die fast Rechtsanw\u00e4ltin geworden w\u00e4re, dass ihre Heimat trotz aller D\u00fcsternis doch in den bewaldeten Fjorden Patagoniens liegt.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Hier f\u00fchle ich wieder die Natur, hier bin ich mit der Erde verbunden und unabh\u00e4ngig&#8220;, sagt sie mit einem L\u00e4cheln und streicht ihr langes pechschwarzes Haar aus der Stirn. &#8222;Nach Tortel kommen durch den Stra\u00dfenanschluss inzwischen auch Touristen, es weht ein frischer Wind. Jeder m\u00f6chte unser kleines Venedig sehen!&#8220;. Silvia entwirft und baut die Verkehrsadern Tortels, die pasarelas, h\u00f6lzerne Gehsteige. Sie f\u00e4llt B\u00e4ume mit der Motors\u00e4ge und kn\u00fcpft Wollteppiche, sie kocht Marmelade und kennt die Flechten im Urwald beim lateinischen Namen. Sie ist ein Lichtblick in der d\u00fcsteren Landschaft. Jetzt will die au\u00dfergew\u00f6hnliche Frau bei ihrer Tante am Rio Bravo Lachse fischen, denn nun im Herbst schwimmen bis zu 15 Kilogramm schwere Prachtexemplare vom Pazifik zu ihren Laichpl\u00e4tzen hoch.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"521\" height=\"342\" src=\"https:\/\/www.aventoura.tourone.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-185.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-817\" srcset=\"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-185.png 521w, https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-185-300x197.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 521px) 100vw, 521px\" \/><figcaption>Foto: Peter Gebhard<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mate-Tee und Minnegesang f\u00fcr Pferde<\/h3>\n\n\n\n<p>Auf dem Weg zur Tante steht pl\u00f6tzlich mitten im kalten Dschungel ein gro\u00dfes, braun geschecktes Pferd mutterseelenallein auf der Schotterpiste. Es geh\u00f6rt Eliano, dem n\u00e4chsten Nachbarn in f\u00fcnf Kilometer Entfernung. Mann nennt ihn hier am Rio Braco nur &#8222;El Loco&#8220;, weil er seine Pferde sogar in seine H\u00fctte l\u00e4sst und ihnen mit seiner Gitarre sentimentale Lieder vorspielt \u2013 liebenwerte kleine Macken, die in vielen Jahren der Einsamkeit allm\u00e4hlich entstanden sind. Aus seiner Holzh\u00fctte steigt Rauch, vor uns steht ein trotz seiner 687 Jahre kr\u00e4ftiger Mann mit Baskenm\u00fctze und graumeliertem Bart und bittet uns zum Mate-Tee hinein. Er kann nach einem Arbeitsunfall im Wald endlich wieder reiten und gehen, doch in seinem zerknitterten Robert-de-Niro-Gesicht steht auch viel Verbitterung geschrieben. Er liebt immernoch seine Freiheit hier am Ende der Welt, doch mittlerweile hasst er den ewigen Regen und den d\u00fcsteren, alles verschlingenden Wald. Beim Abschied holt er seine Gitarre aus einer dunklen Ecke hervor, lehnt sich an den T\u00fcrrahmen und spielt seine melancholischen cuecas \u2013 ein Minnes\u00e4nger mit seiner Handvoll Pferden als einzigem Publikum.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"521\" height=\"344\" src=\"https:\/\/www.aventoura.tourone.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-186.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-818\" srcset=\"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-186.png 521w, https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/image-186-300x198.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 521px) 100vw, 521px\" \/><figcaption>Foto: Peter Gebhard<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Mitten im Nichts liegt ein kleines Ruderboot am Flussufer im Geb\u00fcsch versteckt. Silvia klettert mit ihrem Rucksack den Abhanh hinunter und quert in der D\u00e4mmerung den Rio Brdavo mit kr\u00e4ftigen, gezielt gesetzten Ruderschl\u00e4gen. Sie wei\u00df um die beste Passage durch Strudel und Str\u00f6mung ans andere Ufer. Ihre Tante wurde es vor Jahren in Tortel nach Ankunft der Stra\u00dfe zu hektisch und laut, sie zog mit ihrem Mann in den Dschungel am Unterlauf des Rio Bravo. Im Zwielicht erkenne ich eine sp\u00e4rlich beleuichtete Holzh\u00fctte, zwei Schuppen und ein Gew\u00e4chshaus auf einer gerodeten Lichtung. Helle Stimmen hallen durch den Urwald \u00fcber den Fluss her\u00fcber \u2013 Wiedersehensfreude am Ende der Welt&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p><em>Text und Fotos:&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.peter-gebhard.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Peter Gebhard<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu uns in den chilenischen Dschungel am R\u00edo Bravo kommen inzwischen auch Touristen, es weht ein frischer Wind. Jeder m\u00f6chte unser kleines Venedig sehen! Es ist ein besonderer Ort. Hier f\u00fchle ich die Natur, hier bin ich mit der Erde verbunden und unabh\u00e4ngig&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":817,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[165,298,64,164],"class_list":["post-814","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-chile","tag-anden","tag-carretera-austral","tag-chile","tag-suedamerika"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/814","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=814"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/814\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":819,"href":"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/814\/revisions\/819"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/817"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=814"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=814"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.aventoura.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=814"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}