Zu Gast bei Carlos Tercero


Wer kennt sie nicht, die gigantischen Einkaufstempel dieser Welt? Kauferlebniswelt für Groß und Klein mit gastronomischen Verführungen und Spielspaß für die Kleinen. Die "Shopping-Malls" sind vor allem in den USA und einigen Ländern Lateinamerikas in Stein gemeißeltes Sinnbild des Konsumrausches der kapitalistischen Welt! Wer glaubt, nur weil Kuba sozialistisch regiert wird, müssten seine Bürger auf dieses Spektakel verzichten, der irrt. Auch hier in Havanna gibt es das, wenn auch in der sozialistischen Sparversion: "Carlos Tercero"!

Vielleicht gehören Sie ja auch noch zu der Generation, die, wie ich, die DDR noch aktiv miterlebt hat. Unsere Schulabschlussfahrt ging damals ins geteilte Berlin inklusive Besuch im Ostteil der Stadt. Das war 1986 und reichlich beklemmend. Wir hatten am Vortag noch den Ku'Damm gestürmt und uns in der Feinkostabteilung im KDW gastronomische Spezialtäten aus aller Welt gegönnt und dann standen wir auf einmal auf dem "Alex" im "sozialistischen Arbeiter und Bauernparadies" und hatten das "Kaufhaus des Ostens" vor uns. Krasser hätte einem der damalige Klassenkampf und Widerspruch zwischen Ost und West nicht aufgezeigt werden können. Etwas mehr als 10 Jahre später hatte ich dann bei einem meiner ersten Besuche in Kuba beim Betreten eines Peso-Kaufhauses in Havanna mein Deja-Vú. Hier schien die Zeit stehen geblieben – das Kaufhaus des Ostens ließ grüßen. Ich teilte diese Erfahrung vermutlich mit dem Großteil der damaligen Touristen. Aber auch in Kuba ist die Zeit nicht komplett stehen geblieben, auch hier hält der Konsum langsam aber sicher Einzug.

Carlos Tercero damals und heute

Es muss 2003 gewesen sein, auf der Suche nach guter Schokolade. Die, von mir für meine avenTOURa-Kollegen, mitgebrachten Milka-Tafeln, die ich, ohne an die Folgen zu denken, im Kühlschrank meiner Casa deponiert hatte, der für alle zugänglich war, waren von meiner kubanischen Gastfamilie im Irrglauben es wäre ein Gastgeschenk verzehrt worden. Ersatz musste her und zwar Guter! Ein guter kubanischer Freund war es, der mir damals den Tip gab, es doch bei Carlos Tercero zu versuchen. Und so machte ich mich dann auf den Weg zu besagtem Herrn Tercero und als ich schließlich ankam muss ich für die Umstehenden ein relativ komisches Bild abgegeben haben. Mit offenem Mund und großen Augen stand ich da, so überrascht war ich über das, was sich mir hier darbot. Das war vor 15 Jahren, seitdem bin ich regelmäßig Gast hier, auch wegen meiner Kinder.

Eine spiralförmige Rampe verbindet heute, über mehrere Ebenen verteilt, knapp 30 Geschäfte miteinander. Angefangen bei Lebensmitteln im Parterre bis hin zu Kleidungs-, Sportartikel- und Elektrofachgeschäften, in denen das kubanische Käuferherz höher schlägt. Ein adidas-Laden mit Importware aus Herzogenaurach ist genauso vorhanden, wie Konkurrenzware aus Italien. Im Photoservice werden Passbilder geschossen oder Kleinkinder mit kindgerechter Deko als Prinzessinen oder Cowboys abgelichtet. In einem kleinen Reisebüro kann ein Wochenendtrip ins Badeparadies Varadero für die ganze Familie gebucht werden. Den Abschluss bildet das Möbelgeschäft ganz oben. Die Auswahl und die Anzahl der Kunden, die sich bis hierher verirren ist überschaubar.

Kubas sozialistische Antwort auf McDonald's, Burger King und Kentucky Fried Chicken heißt hier übrigens El Rapido und DiTu. Fastfood ist bei den Kubanern genauso beliebt wie beim großen Nachbarn im Norden. Auch im Einkaufsparadies von Carlos Tercero gehen Hamburger, Pizza oder gegrilltes Hühnchen der kubanischen Fastfoodindustrie nach erfolgtem Grosseinkauf weg wie warme Semmeln. Dazu genießt der Habanero ein eisgekühltes Bucanero, Cristal oder TuKola! Währenddessen stürzen sich die Kinder auf die Spielgeräte und Videospiele im Erdgeschoss, Star ist eindeutig das große Indianerpferd auf dem sich Mamas Jüngster auch mal wie Winnetou fühlen darf!

Das größte Einkaufszentrum Kubas ist zumeist gut gefüllt, der Andrang gerade an Wochenenden enorm. Viele Familien kommen dann mit ihren Kindern, oft nur um sich das Angebotene anzusehen und nicht immer zum Kaufen. Nicht bei allen ist der Wohlstand angekommen, und so begnügt man sich mit einem kühlen Getränk, genossen im Gewühl der Kunden und Kinder im Parterre, wo die Spielgeräte stehen. Wer sich die Preise hier nicht leisten kann oder das gesuchte nicht zum gewünschten Preis gefunden hat, dem winkt eine zweite Chance. Beim Verlassen des Konsumtempels flüstern mir junge Männer, die natürlich ganz zufällig dort stehen, die neusten privaten Angebote ins Ohr. Möbel, Elektrowaren und anderes, ganz billig und selbstverständlich Originalware versichert man mir. Ein Streifenpolizist ganz in der Nähe dreht sich zu uns um, und schon stehe ich wieder alleine da, so ein Zufall aber auch...

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