Suriname, die kleinste Schönheit Südamerikas
Von Lukas Hagner
„Suriname? Wo liegt das denn?“ – so oder so ähnlich kam die Rückfrage, wenn wir erzählten, wohin unsere nächste Reise geht. Einige ordneten es in Afrika ein, während andere es in Asien vermuteten.
Das kleinste Land Südamerikas ist tatsächlich noch relativ unbekannt obwohl es, wie wir während unserer Reise erleben durften, eines der beeindruckendsten Länder ist, die wir bisher besucht haben.

Wer in Suriname landet, landet mehr oder weniger im nirgendwo. Von Amsterdam aus kommend gibt es täglich einen Direktflug mit KLM, der das Land mit Europa verbindet.
Der Johan Adolf Pengel Airport liegt rund eine Stunde südlich von der Hauptstadt Paramaribo entfernt, umgeben von Savanne und kleinen Dörfern. Das Deboarding verläuft zu Fuß über das Vorfeld des Flughafens, es gibt keine Rolltreppen, keinen Duty-Free-Trubel und keine Menschenmassen.

Die Einreiseprozeduren abgeschlossen und mit unseren Reisetaschen auf dem Rücken werden wir von unserem Fahrer empfangen, der uns in das Stadtzentrum bringt.
Direkt am Flughafen ist ein großes Schild aufgestellt mit der Aufschrift „93% Forest Cover is a World Record.“ Tatsächlich ist Suriname das am dichtesten bewaldete Land der Erde.
Unterwegs können wir bereits erste Eindrücke sammeln: kleine Siedlungen, chinesische Supermärkte, niederländische Reklamen, sattgrüne Wälder, neue Bauprojekte. Im Stadtzentrum Paramaribos erhaschen wir erste Blicke auf ehemalige Kolonialgebäude.
Der nächste Tag begann nach einem ausladenden Frühstück im Hotel direkt sehr aktiv.
Mit dem Fahrrad, auf der linken Straßenseite fahrend, in einem Verkehr, der Radfahrer eigentlich kaum kennt, ging es durch das Zentrum der Hauptstadt.
Unser Guide – George – erklärte uns bereits viel über die Geschichte des Landes, über die zahlreichen Denkmäler und Statuen, die in der Stadt zu finden sind und führte uns über einen der zahlreichen Märkte der Stadt.

Die Stadt ist ein UNESCO-Welterbe und das sieht man, wenn man genau hinschaut: hölzerne Kolonialbauten in verschiedenen Stadien zwischen Restaurierung und Verfall, Moschee und Synagoge einträchtig nebeneinander auf demselben Platz. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer Geschichte, die hier mit besonderer Brutalität begann und sich zu einem bemerkenswerten Nebeneinander entwickelt hat. Suriname war über Jahrhunderte niederländische Kolonie. Zuerst kamen versklavte Afrikaner, dann Vertragsarbeiter aus Indien, Java und China. Was aus dieser Migration entstand, ist eine der ethnisch vielfältigsten Gesellschaften der Welt. In meinen Augen etwas, wovon auch anderen Länder lernen können: Ein Koexistieren ist möglich, wenn wir uns gegenseitig respektieren.
Zusammen mit zwei weiteren Reisenden und unserem Guide ging es am Folgetag vom Leonsberg-Pier aus per Boot auf den Commewijne Fluss. Historisch war der Fluss in vielerlei Hinsicht wichtig: Hochseeschiffe befuhren den Fluss und Lastkähne, beladen mit Bauxit, transportieren hier über weitere Zuflüsse Material bis zur Raffinerie in Paranam sowie nach Trinidad und in die USA.

Heute wird der Fluss nur noch von Einheimischen befahren oder für den Tourismus genutzt. An den Ufern liegen zahlreiche ehemalige Plantagen, die meisten verlassen. Gebäude, in denen einst Kaffee und Kakao verarbeitet wurden, versinken langsam im Grün. Was sie einst antrieb, war die Zwangsarbeit. Das lässt sich nicht ausblenden, auch wenn die Kulisse wunderschön ist.
Unterwegs springen Delfine aus dem Wasser, zahlreiche Vögel lassen sich am Ufer erspähen und Fischer ziehen ihre Netze ein. Das Fort Nieuw Amsterdam, dort wo Commewijne und Suriname River aufeinandertreffen, war jahrhundertelang der Wachtposten dieser Wasserstraßen. Heute ist es Museum und stilles Monument zu einer Geschichte, die das Land bis heute prägt.
Ein leckeres Mittagessen bekommen wir in einem der kleinen Dörfer, bevor wir an der ehemaligen Plantage Frederiksdorp abgesetzt werden. Die ursprüngliche Kaffee- und Kakaoplantage aus dem 18. Jahrhundert, mit originalen Plantagenhäusern und der historischen Polizeistation, wurde zum nationalen Kulturerbe erklärt und dient heute als Hotel für Gäste. Das 300 Hektar große Anwesen ist umgeben von Plantagen, Fischerdörfern, Mangrovenwäldern, Feuchtgebieten und einer unberührten, wilden Küste. Bereits hier lassen sich zahlreiche Tiere beobachten und durch die wenigen Lichter in der Umgebung, bekommt man nachts einen wunderschönen Sternenhimmel zu sehen.
Nach freier Zeit am nächsten Tag setzten wir mit einem Boot auf die andere Flusseite über und begannen die Fahrt in Richtung Peperpot. Die Plantage Peperpot liegt im Bezirk Commewijne am rechten Ufer des Suriname-Flusses. Sie wurde von den Engländern angelegt und zählt zu den ältesten Plantagen in der Geschichte Surinams.
In der Blütezeit arbeiteten durchschnittlich etwa 126 Sklaven auf einer Plantage. Zum Zeitpunkt der Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1863 war Peperpot keine Produktionsplantage mehr. Den verbliebenen Sklaven wurde die Freiheit gewährt und die Plantagenbesitzer erhielten von der niederländischen Kolonialregierung eine Zahlung für die freigelassenen Sklaven. Anschließend wurden sie durch Vertragsarbeiter ersetzt. Die ersten Vertragsarbeiter waren Chinesen. Dann kamen die Inder und danach die Javaner. Auch Kreolen aus dem Landesinneren kamen als Vertragsarbeiter.
Die Plantage Peperpot wurde 1994 geschlossen.
Der nach der Schließung der Plantagen entstandene Sekundärwald hat sich über die Jahre zu einem Primärwald entwickelt. Dieser Primärwald macht den Peperpot-Naturpark und den Peperpot-Naturwald in einer zunehmend urbanisierten Umgebung einzigartig und hat den Park und den Wald zu einer einzigartigen Insel der Artenvielfalt gemacht.


Mit Stirnlampen ausgestattet unternahmen wir hier mit Guide eine Nachtwanderung und konnten eine beeindruckende Artenvielfalt erleben: Schlangen, Stachelschweine, Skorpione, Spinnen, Affen, Faultiere, Frösche, Vögel und zahlreiche Insekten – all das auf kleinstem Raum!
In den frühen Morgenstunden verließen wir Peperpot wieder und machten uns auf den Weg gen Westen zum heutigen Ziel: Bigi Pan. Die Fahrt in den Westen Surinames dauerte gute fünf Stunden. Vorbei am Saramacca Distrikt, der überwiegend von Landwirtschaft geprägt ist, durch den Distrikt Coronie mit seinen letzten hölzernen Kirchen und vereinzelt erhaltenen Kolonialbauten, bis nach Nickerie, dem Reisdistrikt des Landes.
Bigi Pan ist ein Küstenfeuchtgebiet von ca. 67.000 Hektar, welches man nur per Boot erreicht. Die Lodge steht mitten auf dem See. Keine Straße, kein WLAN, kein Lärm außer dem, der zahlreichen Vogelarten, die sich rund um den See finden.
Während unserer zwei Tage dort unternahmen wir per Boot mehrere Ausflüge: Besuch einer Flamingokolonie, Nachtfahrt mit Schlangensuche durch die Zuflüsse des Reservats und zum Sonnenaufgang eine frühe Tour zur Vogelbeobachtung. Ein besonderer Ort, der nicht zuletzt auch wegen seiner Ruhe (und den zahlreichen Hängematten) zum Abschalten einlädt. Und auch hier hatten wir nachts wieder einen phänomenalen Blick auf den Sternenhimmel und konnten zahlreiche Sternschnuppen sehen.

Nach unserer Zeit in Bigi Pan und einer kurzen Zwischenübernachtung in Paramaribo, ging es weiter ins Landesinnere. Über leere Straßen und dann – nach Umstieg in einen Allradbus – über Schotterpisten erreichten wir das Basislager für unsere Tour auf den Fredberg.
Fredberg ist ein ca. 380 Meter Hoher Berg, der aus dem dichten Regenwald ragt. Der Berg selbst wurde 2013 von Fred Pansa entdeckt, als er auf einer seiner Reisen den Dschungel überflog. Nach zahlreichen Expeditionen erreichte er diesen und baute das Basislager am Fuße des Berges.
Bepackt mit Hängematten, Wasser und Gepäck für eine Nacht auf dem Berg, begann unser Aufstieg durch Dschungel. Obgleich nicht sehr hoch, so benötigt man für die ca. 4,5 Kilometer doch gute zwei Stunden bis zum Gipfel – ein Aufstieg, der sich aber auszahlt.
Der Blick vom Fredberg zeigt unendlichen Regenwald. Der beginnende Sonnenuntergang war ein fantastisches Erlebnis und im Anschluss bekamen wir ein köstliches Abendessen zubereitet.
In unseren Hängematten liegend schlief man dann zu den Klängen des Dschungels ein.
Frühmorgens wurden wir von den Guides geweckt und bahnten uns durch dichtes Geäst den Weg auf die andere Bergseite. Den Sonnenaufgang, den wir hier beobachten konnten, lässt sich schwer mit Worten beschreiben und zählt zu den schönsten Augenblicken dieser Reise.
Unter uns lag der Regenwald noch im Halbdunkel, durchzogen von Nebelbändern, die sich langsam zwischen den Baumkronen auflösten. Am Horizont schob sich die Sonne durch eine dünne Wolkenschicht und tauchte die Landschaft in ein warm-weiches orangefarbenes Leuchten, dass sich nach und nach über die gesamte Weite des Regenwaldes ausbreitete.
Nach dem Frühstück auf dem Fredberg begann der Abstieg zurück ins Basecamp, wo wir eine weitere Nacht verbrachten. Am nächsten Tag ging es weiter nach Atjoni, dem Tor zum oberen Suriname-Fluss.
Atjoni ist ein kleines Dorf, das als Warenumschlagplatz für alles dient, was in den Dörfern am Flussufer gebraucht wird. Zahlreiche Boote legen im Minutentakt an und werden neu beladen mit Lebensmitteln, Gasflaschen, Möbeln, Matratzen und vielem mehr. Die Bewohnerinnen und Bewohner nutzen die Boote als Taxis zurück in ihre Dörfer. Für uns war es zunächst ein nicht durchschaubares Gewimmel aus Booten und Menschen, aber alles folgt einem klaren Ablauf, den die Menschen hier verstehen. Unser Guide für die kommenden Tage, Abieni, fand uns hier ohne Probleme und brachte uns zu einem Boot, das uns flussaufwärts nach Gunsi bringen sollte.
Die Fahrt dauerte gut anderthalb Stunden. Unterwegs legten wir immer wieder an kleinen Dörfern an, Waren wurden ausgeladen, Einheimische stiegen aus oder zu. Gunsi ist ein kleines Dorf direkt am Fluss mit etwa 70 Einwohnern: einfache Häuser, schön gelegen, mit Blick auf die Stromschnellen auf der anderen Seite. Der Fluss ist hier der Lebensmittelpunkt. Hier wird Geschirr gewaschen, Kinder planschen im Wasser, Fische werden gefangen und direkt ausgenommen und Wäsche in Handarbeit gewaschen.
Die Saramaka sind Nachfahren von versklavten Afrikanern, die flohen und sich im Landesinneren eine eigene Welt aufbauten. Ihre Kultur, Sprache, Schnitzkunst, Küche und Bräuche sind hier noch lebendig.


Wir durften drei Nächte bleiben und unternahmen mit Abieni einen Ausflug ins Nachbardorf, entdeckten den Dschungel in der Umgebung, badeten mit ihm im Fluss und sahen bei einer Bootstour in der Nacht Kaimane und Schlangen. Er erklärte uns viel über das Leben hier und erzählte von seinem Heimatdorf, acht Stunden flussaufwärts, sowie von seinem Leben dort.
Nach unseren Tagen in Gunsi verbrachten wir die letzten beiden Nächte in einer kleinen Unterkunft in der Nähe zum Flughafen. Von hier aus konnten wir noch einen Tagesausflug zum
Brokopondo-Reservoir unternehmen. Der Stausee entstand 1963, als der Afobakka-Damm gebaut wurde und ein Gebiet von der Größe einer kleinen Provinz flutete. Zehntausende Saramaka mussten damals umgesiedelt werden und die Baumstümpfe, die aus dem Wasser ragen, zeugen noch davon, wie es hier mal gewesen sein muss.
Mit Kanus fuhren wir hier zwischen kleinen Inseln hindurch, warfen Angeln für Piranhas aus, aßen Mittagessen in einer Hängematte und hörten dem Wasser zu. Ein entspannter Abschluss einer Reise, die viele Eindrücke hinterlassen hat.

Am Flughafen, zwei Wochen nach unserer Ankunft, mussten wir wieder zu Fuß über das Vorfeld. Keine Rolltreppen, kein aufpolierter Duty-Free-Bereich, kein Trubel.
Suriname ist ein Land, auf das man sich einlassen muss. Der Tourismus ist hier noch recht klein, aber er funktioniert und das ist Teil seines Reizes. Man bekommt nichts vorgesetzt, vieles ist einfach, und gerade deshalb fühlt es sich echt an. Wer das sucht, ist hier richtig.
Wer ein Land mit durchorganisiertem Komfort und Luxus erwartet, eher nicht.
Wir kamen mit dem Gefühl zurück, wirklich irgendwo gewesen zu sein und mit dem leisen Verdacht, dass wir nicht das letzte Mal dort waren.