Auf den Spuren des Friedens in Kolumbien


Während seiner Reise durch Kolumbien, begab sich unser avenTOURa-Kollege Wilson Cardozo auf die Spuren des Friedens in Kolumbien und erfuhr dabei vieles über die Geschichte und derzeitige Realität des Landes.

Kolumbien in Zeiten des Friedens - so könnte man die gegenwärtige Lage des Landes beschreiben, lägen da nicht die schweren Stolpersteine auf dem Weg zu jenem Zustand, den sich die Kolumbianer seit fast sechs Dekaden ebnen. Die wichtigste Etappe des Verhandlungsprozesses schien 2016 der Friedensvertrag zwischen der größten und ältesten Guerillagruppe Lateinamerikas FARC und der Regierung von Präsident Juan Manuel Santos zu sein. Der Friedensnobelpreis für die Bemühungen, einen Weg aus der langjährigen Konfrontation zu finden, brachte Santos internationale Anerkennung ein. Der Präsident hatte sich trotz eines starken innenpolitischen Gegenwindes des konservativen Lagers um Expräsident Alvaro Uribe durchsetzen können. Auch wenn das Abkommen nur von der FARC und nicht von der ELN, der zweitstärkste Guerillagruppe des Landes, abgesegnet wurde, war die Demobilisierung und Waffenabgabe von mehr als 90% der aktiven FARC-Kämpfer ein klares Signal der Organisation, sich in die legalen politischen Strukturen des Landes integrieren zu wollen. Dies führte dazu, dass sich auch die ELN auf Friedensverhandlungen einließ.

Die Entwaffnung und Entmilitarisierung der Gebiete, die unter dem Einfluss und der Kontrolle der Guerilla gestanden hatten, führte in jenen Regionen zu neuen Entfaltungsperspektiven für die Menschen, die in Konfliktzeiten entweder selbst zu Waffen gegriffen oder aber ihre Subsistenz nur in der illegalen Kokainwirtschaft gesehen hatten.

Es sind paradiesische Naturlandschaften, die durch den langjährigen Konflikt beinahe unsichtbar geblieben waren. Ein Paradebeispiel in der südöstlichen Provinz Meta ist das Gebiet mit dem Fluss Caño Cristales, das sich im Nationalpark Sierra de la Macarena befindet. Diese Region war nicht nur auf Grund ihrer Nähe zu der Provinz Cundinamarca mit der Hauptstadt Bogotá ein strategischer Zufluchtsort für die Guerilla, sondern ihre Topografie bietet auch ideale Bedingungen für die natürliche Entfaltung der Flora und Fauna, darunter auch der endemischen Tiere und Pflanzen. Der Caño Cristales, der mittlerweile auch der schönste Fluss der Welt sowie „Fluss der fünf Farben“ oder „Regenbogenfluss“ genannt wird, war für den Tourismus jahrzehntelang unzugänglich gewesen. Doch dies gehört der Vergangenheit an.
Die New York Times platzierte diese Gegend 2018 an zweiter Stelle in der Liste der weltweiten Reiseempfehlungen für den Naturtourismus. Durch die Belebung von ökotouristischen Pfaden mit unzähligen Wasserfällen und Flüssen sowie der landschaftlich abwechslungsreichen Region vereinen sich die ehemaligen Guerillakämpfer mit der lokalen Bevölkerung, um nicht nur der Welt die verborgenen Naturschätze zu zeigen, sondern auch gemeinsam den Frieden im Land zu konsolidieren.

Cano Cristales

Einer dieser ehemaligen Kämpfer ist Vicente. Er ist heute Reiseführer und bietet eine 50-minütige Wanderung durch die dichte Vegetation und entlang der hängenden Holz- und Seilbrücken sowie der unbefestigten natürlichen Pfade an, begleitet durch das Geräusch von Wasserfällen und des Gesangs exotischer Vögel. Die Atmosphäre versetzt die Besucher in einen kaum vorstellbaren visuellen und sinnlichen Rausch und lässt sie die Faszination der kolumbianischen Natur hautnah erleben. Der Name Vicente ist sein ursprünglicher „Guerilla“-Name – er hat ihn symbolisch für seine Vergangenheit beibehalten, ebenso wie seinen Tarnanzug, der mittlerweile aber an einem Baum im Guerilla-Lager um Charco Azul hängt und als stiller Zeuge der letzten Jahrzehnte fungiert. Wenn früher auf sein Kommando hin weitere Mitkämpfer hörten, so sind es heute die Gäste, die seinen Erzählungen über das strapaziöse und schwierige Leben im Dschungel aufmerksam lauschen.

Vicente, der seit seinem 14. Lebensjahr nichts anderes als die täglichen Hürden als bewaffneter Rebell kannte, sieht, wie auch viele andere in der Region, den Tourismus als eine Chance, sich in die zivile Gesellschaft einzugliedern. Er ist der Überzeugung, dass der Krieg der Vergangenheit angehört und das Gemeinschaftsgefühl und der Enthusiasmus, den die Besucher unterwegs erleben, scheinen diese Überzeugung zu bestätigen. Sie setzen auf einen nachhaltigen Tourismus, bei dem durch den Schutz der Flora, Fauna und der imposanten Landschaften sowie durch die Miteinbeziehung der Einheimischen die Wiederentdeckung dieser versteckten Naturwunder möglich gemacht werden soll. Auch wenn Vicente trotz seines Optimismus bewusst wird, dass der Konflikt in Kolumbien noch nicht definitiv beigelegt wurde, hält er an seiner Hoffnung fest.

Gemäß der Regierungsagentur für Wiedereingliederung und Normalisierung ARN sehen 76 % der ehemaligen Guerilla-Kämpfer ihrer Zukunft positiv entgegen. Diese Zuversicht wird durch eine brisante Aktualität im Land überschattet, denn führende FARC-Mitglieder haben sich von der politischen Bühne zurückgezogen und die bewaffnete Kooperation mit dem ELN ankündigt. Die mangelnde Sicherheit im Land und der Bruch von Vereinbarungen, die im Friedensabkommen festgehalten wurden, sind Punkte, mit denen sie ihre Entscheidung rechtfertigen. Seit der Unterschreibung der Friedensverträge wurden mehr als 130 ehemalige FARC-Mitglieder und 34 Familienangehörige ermordet. Dies führt heute zu immer größerem Misstrauen gegenüber der aktuellen Regierung von Präsident Ivan Duque, dessen Mentor der rechtskonservative Expräsident und jetzige Kongressabgeordnete Alvaro Uribe ist. Zusätzlich haben laut UN-Büro für Menschenrechte zwischen 2018 und 2019 mehr als 166 Menschenrechtsaktivisten, Afrokolumbianer, Indigene, Naturschutzaktivisten, Bauern, Journalisten und Politiker ihr Leben verloren.

Zwei Tendenzen stehen sich somit in der heutigen Realität Kolumbiens gegenüber: Die Überzeugung einer Mehrheit, das Land aus der langjährigen soziopolitischen Auseinandersetzung führen zu wollen und die enttäuschten Bemühungen von den erwähnten gesellschaftlichen Gruppen, die den Frieden zwar noch nicht für gescheitert erklärt haben, aber ihn mit großer Skepsis und Misstrauen in weiter Ferne sehen.

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