Ein Besuch in Fordlândia – der „Geisterstadt" am Rio Tapajós


Während der Vorbereitung auf seine Amazonas-Reise stieß avenTOURa-Blogger Chris Tokple zufällig auf einen Artikel, der von einer Geisterstadt an einem Nebenarm des Amazonas berichtet. Klar, dass seine Neugierde sofort geweckt wurde und so machte er sich auf die geheimnisvolle Stadt selbst zu erkunden.

Die Stadt namens Fordlândia wurde 1927 von dem Automobilpionier Henry Ford gegründet. Ziel war es, den Rohstoff für die Reifenherstellung auf großen Kautschukplantagen zu gewinnen. Das Projekt scheiterte jedoch aus verschiedenen Gründen. Die Amerikaner verließen die Stadt nach knapp 20 Jahren und hinterließen nicht nur tonnenschwere Maschinen, sondern auch viele Wohnhäuser, die im amerikanischen Stil gebaut wurden.

Anreise und Ankunft

Man kann Fordlândia mit dem Auto über die Transamazônica erreichen, einfacher ist jedoch die vierstündige Bootsfahrt von Santarém. Ich entscheide mich für diese Option. Die Fahrt ist überraschend komfortabel, nur die Klimaanlage macht mir zu schaffen, wie in so vielen Verkehrsmitteln in Südamerika. Mit mir steigt nur ein älterer Herr aus, alle anderen Fahrgäste haben es anscheinend auf die Industriestadt Itaituba abgesehen. Nachdem ich behutsam über den provisorisch geflickten Steg der Anlegestelle gehe, stehe ich auch schon vor dem ersten Relikt aus der amerikanischen Siedlungszeit: Eine große Werkshalle, auf der man trotz starker Verwitterung den Schriftzug „Bem Vindo À Fordlândia“ gut erkennen kann. Heute steht die Halle komplett leer, lediglich einige Autos der wenigen Dorfbewohner sind darin geparkt.

Ankunft in Fordlândia

Fordlândia – tatsächlich eine Geisterstadt?

Auf meiner Erkundungstour durch das heutige Dorf wird mir schnell klar, dass die Bezeichnung Fordlândias als Geisterstadt übertrieben ist. Zurzeit leben hier einige hundert Menschen. Allerdings sieht man fast niemanden auf den Straßen. Es ist heiß und äußerst schwül. Es gibt zwei kleine Läden, deren Sortiment sehr begrenzt ist, in denen aber auch keiner einzukaufen scheint. Die Zeit scheint hier nicht stehen geblieben zu sein, sondern einfach ganz langsam abzulaufen.

Sehenswertes

Als erstes besuche ich das alte Kraftwerk. Hier bekomme ich eine alte Doppelkolbenmaschine der deutschen Firma Junkers aus Dessau zu sehen. Es ist bemerkenswert, dass solch eine große Maschine aus Deutschland vor knapp 100 Jahren ihren Weg per Schiff über den Atlantik und den Amazonas bis hierher gefunden hat. Der alte Wasserturm befindet sich fußläufig vom Kraftwerk. Mit viel Mut und Abenteuerlust kann man diesen erklimmen, man wird mit einer einzigartigen Sicht auf Fordlândia und den Rio Tapajós belohnt.

In der Werkstatt, die neben dem Kraftwerk steht, befinden sich weitere tonnenschwere Maschinen aus den 1920er Jahren. Als ich Luis, der mich durch die Anlage führt, meine Verwunderung über den äußerst guten Zustand dieser Maschinen mitteile, erklärt er mir, dass diese Maschinen noch heute genutzt werden. Weiter hinten in der Werkstatt sehe ich die Karosserien einiger alter Ford-Modelle, so wie vieler Gegenstände, die sich ehemals im Krankenhaus befunden haben. Der Anblick erinnert etwas an die Requisiten eines 20er Jahre Films.

Das Krankenhaus, das auch von den Amerikanern gebaut wurde, verfügte seiner Zeit angeblich über die beste Chirurgie des Landes. Ich bekomme hier allerdings nur viel Schutt zu sehen, da das Gebäude vor 10 Jahren bis auf die Grundmauern abgebrannt ist. Unweit des Krankenhauses befinden sich die Wohnsiedlungen, die im amerikanischen Stil angelegt wurden. Die damals gepflanzten Mangobäume sind heute riesig und tragen viele Früchte. Die typischen Einfamilienhäuser stehen links und rechts entlang der Straßen, die meisten Häuser sind unbewohnt und kurz vor dem Zerfall. Einige von den bewohnten Häusern wurden teilweise saniert. Einige der bewohnten Häuser sind jedoch noch in ihrem Originalzustand, einschließlich der damaligen Lackierung!

Mein Fazit

Fordlândia ist keine Geisterstadt, sondern ein äußerst verschlafener Ort. Wer sich für die Industrialisierung der Amazonasregion interessiert oder einen Ort abseits der typischen Touristenpfade besuchen will, ist hier sicherlich richtig.

Wohnhaus im Originalzustand
  • Unser Blogger in Brasilien

    Chris Tokple bereist regelmäßig Lateinamerika und interessiert sich dort sehr für die koloniale Geschichte, die Natur, die Kultur und auch die Musik. Neben Kolumbien und Kuba hat es ihm auch Brasilien besonders angetan.

avenTOURa ist mit Auszeichnungen und Mitgliedschaften seit mehr als 20 Jahren in der Touristikbranche etabliert.