Mein neues Kolumbien - Teil 1


"Was ich dir jetzt erzählen werde, ist wahr", betonte der 21-jährige Kolumbianer Antonio, als er mir eines Abends dieses Erlebnis unter einer Palme anvertraute. Wir befanden uns jedoch nicht, wie vielleicht vermutet, in Kolumbien, sondern am Strand "La Concha" im Westen Havannas.

Toño, wie er auch genannt wurde, stammte aus Quibdó an der Pazifik-Küste Kolumbiens, wo mehrheitlich die schwarze Bevölkerung lebt. Sein tiefer aber sanfter Blick gab trotz seiner jungen Jahre zu verstehen, schon alles erlebt zu haben. Er beschrieb ohne Euphorie und mit ruhiger Stimme, wie er als Soldat zusammen mit zwei Dutzend junger Kameraden ein Coca-Labor angriff, das von einer Guerrilla-Einheit in der Guaviare Region im Südosten Kolumbiens bewacht worden war. Nach einem bitteren Kampf, bei dem auch einige aus seiner Truppe verletzt wurden, flohen die Rebellen. Als kein einziger Schuss mehr zu hören war, drangen die Soldaten mit viel Mühe in das durch dichte Vegetation versteckte Lager vor. Dort angekommen, fanden sie nicht nur große Tankbehälter mit Chemikalien und unzählige Pakete mit weißem Pulver vor, sondern auch Geld. Viel Geld. "Der Anblick von gebundenen Dollarscheinen – noch dazu in solchen Mengen – hat uns hypnotisiert, ja, magisch angezogen", bemerkte Toño. "Wir haben alle so viele Scheine genommen, wie wir nur tragen konnten und das Lager nach dem Verlassen angezündet", fuhr er fort. "Das Geld wurde an einem bestimmten Ort eingegraben und wir vereinbarten, dass jeder seinen Anteil zu einem späteren Zeitpunkt abholen könne."

Foto: Dr. Wilson Cardozo

Träumen kostet nichts

Kurz darauf wurde Toño in einer weiteren Mission schwer verletzt und hätte fast sein Leben verloren. Er war nicht mehr einsatzfähig und der Staat gewährte ihm eine kleine Rente. Schon bald danach suchte er das Geheimversteck auf, grub die Geldscheine aus und wanderte nach Cuba aus. Dort widmete er sich der Musik. Die Schilderung seiner Erlebnis se könnte die Grundlage für einen Film liefern. Und tatsächlich: Fünf Jahre nach diesem Gespräch wurde eine ähnliche Handlung unter dem Titel "Soñar no cuesta nada – Träumen kostet nichts" verfilmt. Auch wenn ich Toño nie wieder gesehen habe, musste ich heute beim Schreiben dieses Artikels an ihn denken. Mir ist klar geworden, dass seine Lebensgeschichte mit mir – nein, nicht nur mit mir – sondern mit allen Kolumbianern zu tun hat. Seine Schilderungen beinhalten alle Elemente, die jahrelang das Verständnis und das Bild Kolumbiens im Ausland geprägt haben. Dazu zählen Krieg, Drogen, Korruption, aber am Ende doch auch die Hoffnung auf Frieden. Und diesem sind die Kolumbianer mit den Friedensverträgen von Havanna 2016 einen Schritt näher gekommen, aber dazu später mehr.

Mein Blick zurück…

Die Auswirkung dieser Entwicklung auf den Tourismus ist heute deutlich spürbar, denn das Land wird mittlerweile als Geheim-Tipp und Trend-Destination in Südamerika gesehen. Dies war jedoch nicht immer so. Ich erinnere mich, dass ich mich Anfang der 1990er Jahre, kurz nachdem ich nach Deutschland gekommen war, mehr mit Kolumbien auseinandersetzen musste, als ich es in meinem Heimatland selbst jemals getan hatte. Beinahe alle Deutschen, die mit mir damals in Kontakt traten, interessierten sich nicht nur für die Hintergründe der Drogenproblematik rund um Pablo Escobar und die Kartelle, sondern auch für die Sehenswürdigkeiten des Landes. Als Politikwissenschaftler konnte ich das Geschehen im Land schnell einordnen. Um aber über die Schönheit des Landes zu sprechen, fehlte mir die Erfahrung. Ich bemerkte sofort, dass ich abgesehen von Bogotá, der Kaffeezone im Westen und Cartagena an der Karibikküste nichts Großartiges berichten oder empfehlen konnte. Aufgrund der mangelnden Sicherheit konnte man sich nicht überall im Land bewegen. Vielen Kolumbianern ging es ähnlich und sie fühlten sich wie Fremde im eigenen Land. Auch ich spürte damals die Notwendigkeit, mich auf Entdeckungstour zu machen...

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